– mehr als ein barockes Schatzkästchen. „Süß ist die Frucht der Eintracht“ (DULCIS CONCORIAE FRUCTUS).

Gut Ludwigsburg in Schwansen So steht es auf Lateinisch zu lesen über einem der über 150 barocken Sinnbilder in der „Bunten Kammer“ auf Gut Ludwigsburg in Schwansen (Schleswig- Holstein).

Was gemeint ist, erschließt sich aus dem beigegebenen Bild: Hier sieht man einen von emsigen Immen umschwärmten Bienenkorb, im Hintergrund Garten und Wirtschaftshof. Die damalige Zeit sah in den Bienen ein Sinnbild für das Miteinander der eifrig schaffenden Menschen. Ethik und Moral, dazu Gottes Segen erscheinen hier im Miteinander von lateinischem Wortwitz und sinnstiftender Bildtafel als unabdingbare Voraussetzung für ein erfülltes Leben und erfolgreiches Wirtschaften hienieden.

Diese Verknüpfung wird auf weiteren der Ludwigsburger Bilder, die außer lateinischen auch spanische, italienische, französische, englische und deutsche Sinnsprüche als Beischriften haben, nur allzu deutlich.

Demnach sei alles menschliche Schaffen ohne göttlichen Segen vergeblich (SINE NUMINE FRUSTRA), am Ende habe man sich wie in einem steuer- und segellos dahintreibenden Boot dem zu fügen, was durch Gott bzw. das Schicksal über einen bestimmt sei (QUO FATA TRAHUNT).

Unabhängig davon habe man sich beim Weg durchs Leben vor den „Dreij gefärliche(n) W.“ – vor Wein, Weib und Würfelspiel – zu hüten. Ganz in diesem Sinne lesen sich einige der den Bildtafeln beigegebenen Sinnsprüche wie Anweisungen für den in christlicher Verantwortung streng erzogenen kaufmännischen Nachwuchs der damaligen Zeit. So heißt es etwa mit Blick auf Seefahrt und Handel, diese könnten nur glücken, wenn sie unter Führung der Tugend und unter dem Geleit des Schicksals (DUCE VIRTUTE COMITE FORTUNA) bzw. mit Hilfe des Schicksals ebenso wie mit Mühe und Anstrengung (SORTE ET LABORE) ausgeführt würden. Oberstes Gebot sei es – für den Kaufmann, aber wohl auch für den Menschen ganz allgemein –, dabei zwischen überzogenem Wagnis und allzu bedenklichem Zaudern das rechte Maß zu wahren: „In der Mitte gehst Du am sichersten“ (MEDIO TUTISSIMUS IBIS).

Der Gedanke des Maßhaltens korrespondiert mit dem des langsamen und schrittweisen Voranschreitens (POCO A POCO). Gleichzeitig wird auf einer Tafel mit dem Bild des damaligen Gutshauses der so gänzlich andere Anspruch der Besitzerfamilie selbst formuliert: „Stets die Erste, niemals die Letzte“ (SEMPER PRIMA NUNQUAM ULTIMA) – Max Weber hätte das im Rahmen seiner Überlegungen zur Wirtschaftsethik sicher einer Bemerkung für wert erachtet.

Für Wachstum und wirtschaftliches Wohlergehen gelte es nicht zuletzt Opfer zu bringen, heißt es zu einem aus einem abgesägten Stamm neu ausschießenden Baum (PER VULNERA CRESCIT), über einen Wellenbrecher in stürmischer See entsprechend, man solle die (Wellen) brechen, die einen selbst zu brechen versuchten (CONANTIA FRANGERE FRANGIT). Je nachdem, in welche Richtung man diesen Gedanken fortspinnt, klingt hier „Wehret den Anfängen“, „Gefahr liegt im Verzug“ oder „Auf einen großen Klotz gehört ein grober Keil“ gleichsam mit – gegen eine feindliche Übernahme ist jedes Mittel recht. Unabhängig davon solle man, so heißt es auf einer anderen Tafel, in der Jugend rackern und zurücklegen, um im Alter die Früchte der Arbeit genießen zu können (QUAERE ADOLESCENS UTERE SENEX).

Dieser Gedanke findet eine Art Fortsetzung in einem doch etwas rätselhaften „für die Nachwelt“ (POS-TE-RITA- TI). Hier ist schon durch die Aufteilung des an sich eingängigen lateinischen Wortes auf fünf Zeilen für Verwirrung gesorgt: In der Spannung von Zuversicht und bangem Zweifel an dem, was kommen mag, sieht man hier einen Menschen einen Baum pflanzen und ein Haus errichten. Dabei ist das Ende sicher, wartet doch früher oder später auf einen jeden von uns der Tod (LONGIUS AUT PROPIUS MORS SUA QUEMQUE MANET), heißt es auf einem Bild mit den drei Parzen, den antiken Gottheiten, die den Schicksalsfaden spannen, drehten und am Ende erbarmungslos abschnitten. Geradezu dialektisch betont auf einem anderen Bild ein von Wind und Wellen umtobtes Kastell vor der Küste, die Wellen würden „es zugleich schlagen und verteidigen“ (ME COMBATEN Y DEFIENDEN). Hier ist längst nicht alles widerspruchsfrei und schon gar nicht eindeutig:

Während manche Aussagen einander ergänzen, stehen andere hart gegeneinander, betonen ambivalente und bisweilen geradezu paradoxe Züge der Wirklichkeit, aber das liegt in der Natur der Sache – die Bilder und Sinnsprüche der „Bunten Kammer“ wollen provozieren und zum Nachdenken anregen.

Gut Ludwigsburg in Schwansen Das Charakteristische an den dargebotenen Gedanken ist nämlich, dass sie jeweils auf ganz unterschiedlichen Ebenen gelesen werden können. Dass etwa auf Wolken Sonnenschein folge (POST NUBILA PHOEBUS), dass nicht jeder alles könne (NON OMNIA POSSUMUS OMNES) und dass man sich um nichts in der Welt verbiegen lasse, und sollte man darüber auch zerbrechen (FRANGAR NON FLECTAR), klingt vordergründig trivial, entbehrt aber bei genauerem Nachdenken nicht einer gewissen Tiefe.

Es passt sich harmonisch in den ethnisch-moralischen Horizont ein, vor dem die Bilder in den 1670er Jahren entstanden sind. Auftraggeber war Friedrich Christian Kielman von Kielmansegg (1639-1714), ein Sohn des bekannten kaiserlichen Gesandten und Gottorfer Kanzlers und Förderers der jungen Kieler Universität.

Der hochrangige gottorfische und später königlich-dänische Diplomat war seit 1666 mit Marie Elisabeth von Ahlefeld (1643- 1709) verheiratet. Mit dieser hatte er insgesamt elf Kinder, von denen aber nur sechs das Erwachsenenalter erreichten.

Er hatte das heutige Gut Ludwigsburg, das bis ins 18. Jahrhundert „Kohoevede“ hieß und im ausgehenden 16. Jahrhundert zu einem repräsentativen Doppelhaus ausgebaut worden war, 1672 von einem Vertreter der Familie Rantzau erworben. Einer seiner Nachbesitzer, ein gewisser Friedrich Ludwig von Dehn (1697-1771), unter dem das Ludwigsburger Herrenhaus 1730 seine heutige Gestalt erhielt, benannte es 1768 in Ludwigsburg um.

Die von Kielmansegg in Auftrag gegebene Holzvertäfelung der „Bunten Kammer“ atmet ganz den Geist des Barock: Mensch und Schicksal, Krieg und Frieden, Tod und Ewigkeit und Liebe und Leidenschaft sind die Themenkomplexe, um die es hier vornehmlich geht – vor allem immer wieder Amor, der die Welt mit Pfeil und Bogen in Aufregung versetzt, gegen den kein Kraut gewachsen ist (NULLIS MEDICABILIS HERBIS) und der am Ende stets einen Weg findet (NULLA VIA EST INVIA AMORI). All dies ist liebevoll und bisweilen durchaus nicht ohne Augenzwinkern in Bilder gefasst. Und wenn dieser Amor auf einer Tafel die Erfüllung der Liebe zu einem einzigen findet (PERFECTUS AMOR NON EST NISI AD UNUM), so dürfen wir dahinter die Selbstvergewisserung der Ehegatten in ihrer gegenseitigen Zuneigung vermuten.

Und doch geht in der „Bunten Kammer“ vieles über mehr oder weniger plattes Liebesgesäusel hinaus. Wenn es etwa auf einer der Ludwigsburger Tafeln heißt, der Größere fresse den Kleineren (MINOR ESCA MAIORIS), so ist das zwar einerseits ganz konkret auf die abgebildeten Meerestiere bezogen, lässt sich aber durchaus auch als ein zwischen wacher Kritik und fatalistischem Schulterzucken changierender Kommentar zu überbordenden Disparitäten oder zu aktuellen Konzentrationsprozessen in der Wirtschaft unserer Zeit lesen.

Insofern enthält die „Bunte Kammer“ auf Ludwigsburg jenseits von barocker Finesse durchaus Salz und Pfeffer als Beigabe für die Deutung des ewigen Ringens um Macht und Erfolg.

Autor: Prof. Dr. Detlev Kraack ist Sprecher des Arbeitskreises für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins.

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