Deutsche Schifffahrt unter Druck: Sicherheit, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit

Beim 9. Hamburger Schifffahrtsdialog diskutierten Vertreter aus Politik und maritimer Wirtschaft über die Zukunft einer mittelständisch geprägten Branche. Im Mittelpunkt standen sichere Seewege, die Transformation der Flotte und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Hamburg, 17. September 2026. Die deutsche Schifffahrt steht vor mehreren Herausforderungen gleichzeitig: Geopolitische Konflikte gefährden wichtige Seewege, die Umstellung auf klimaneutrale Antriebe erfordert Investitionen, und im internationalen Wettbewerb geht es um die Zukunft von Unternehmen, Arbeitsplätzen und maritimem Know-how. Beim Hamburger Schifffahrtsdialog am 16. September in der Handelskammer Hamburg diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und maritimer Wirtschaft über die Bedingungen für eine zukunftsfähige Branche.

Die deutsche Handelsschifffahrt ist dabei stark mittelständisch geprägt. Knapp 300 Reedereien mit insgesamt 1.716 Schiffen gehören zur Branche. Mehr als 80 Prozent der Unternehmen betreiben weniger als zehn Schiffe. Hamburg zählt mit 94 Reedereien zu den wichtigsten deutschen Schifffahrtsstandorten.


Sichere Seewege als Grundlage des Welthandels


Wie verletzlich internationale Lieferketten sind, zeigt die geopolitische Entwicklung der vergangenen Monate. Angriffe auf Handelsschiffe sowie gefährdete oder eingeschränkte Seewege stellen die Schifffahrt vor zusätzliche Herausforderungen. Für Deutschland, dessen Wirtschaft in hohem Maße vom Außenhandel abhängig ist, geht es dabei nicht allein um die Sicherheit einzelner Schiffe, sondern um die Verlässlichkeit der gesamten Versorgung.


Gaby Bornheim, Präsidentin des Verbands Deutscher Reeder (VDR), verwies auf die zunehmenden Risiken für die internationale Schifffahrt. Freie und sichere Seewege seien eine Voraussetzung für verlässliche Lieferketten in Deutschland und Europa. Zugleich dürfe die langfristige Aufgabe der klimaneutralen Transformation nicht aus dem Blick geraten.


Die Schifffahrt zahlt inzwischen über den EU-Emissionshandel für ihre CO₂-Emissionen. Bei einem CO₂-Preis von 100 Euro pro Tonne könnte der Deutschland zustehende Anteil nach Berechnungen mehr als eine Milliarde Euro jährlich betragen, erklärte Bornheim. Ein relevanter Teil dieser Einnahmen müsse den Transformationsprozess unterstützen – etwa durch Investitionen in erneuerbare Kraftstoffe, effizientere Schiffe und die notwendige Infrastruktur. Dabei pocht die VDR-Präsidentin auf international einheitliche Regeln: Eine globale Branche brauche globale Klimavorgaben. Regionale Sonderwege könnten zu Wettbewerbsverzerrungen führen.


Bundesregierung will maritimen Standort stärken


Auch die Bundesregierung sieht die Sicherheit der Seewege und die Wettbewerbsfähigkeit des maritimen Standorts als zentrale Aufgaben. Christoph Ploß, Koordinator der Bundesregierung für die Maritime Wirtschaft und den Tourismus, verwies auf Fördermaßnahmen zur maritimen Sicherheit, darunter das Maritime Forschungsprogramm. Darüber hinaus unterstütze die Bundesregierung den deutschen Reedereistandort durch das Maritime Bündnis und das Gesamtpaket zur wettbewerbsfähigen Gestaltung der deutschen Flagge. Ein wichtiger Ansatzpunkt sei zudem der Abbau überflüssiger bürokratischer Vorschriften.


Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard betonte die Bedeutung der Handelsschifffahrt für die Versorgung Deutschlands und die Sicherung globaler Lieferketten. Die geopolitische Lage wirke sich unmittelbar auf Schifffahrtsrouten, Welthandel und damit auch auf Hamburg aus. Beim Schifffahrtsdialog gehe es deshalb sowohl um die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten als auch um die Umstellung auf nachhaltige Antriebstechnologien.


Infrastruktur vor Digitalisierung


Eine andere Priorität setzte Jens B. Knudsen, Vorsitzender des Zentralverbands Deutscher Schiffsmakler (ZVDS). Er fordert, die Reihenfolge in der Infrastrukturpolitik neu zu gewichten. „Erst verfügbar, dann effizient, dann digital.“ Bevor über Effizienz, Digitalisierung und künstliche Intelligenz gesprochen werde, müsse die physische Infrastruktur zuverlässig funktionieren. Digitale Strategien könnten keine maroden Brücken reparieren und kein zusätzliches Personal für Schleusen oder Revierzentralen schaffen, so Knudsen. Seine Forderung richtet sich auf die gesamte Logistikkette: Seewärtige Zufahrten, Häfen, Wasserstraßen und Hinterlandanbindungen müssten als zusammenhängendes System leistungsfähig sein. Wenn einzelne Teile dauerhaft unplanbar, ineffizient oder zu teuer seien, könne sich die Ladung andere Wege suchen. Das gefährde nicht nur einzelne Häfen oder Verkehrsträger, sondern die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Logistikkette.


Klimaneutrale Schifffahrt braucht verlässliche Rahmenbedingungen


Für Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, zeigen die aktuellen Krisen, wie dringend die Weichen für eine resiliente, klimaneutrale und effiziente Seeschifffahrt gestellt werden müssen. Der Nationale Aktionsplan Klimafreundliche Schifffahrt der Bundesregierung sei dafür ein guter Ausgangspunkt. Gemeinsam mit der IHK Nord und der DIHK habe sich die Handelskammer Hamburg in die Erarbeitung eingebracht. Im Mittelpunkt ihrer Forderungen stehen Technologieoffenheit, verlässliche Finanzierungen und eine konsequente internationale Harmonisierung.


Damit treffen beim Hamburger Schifffahrtsdialog mehrere Interessen aufeinander: Die Branche muss ihre Flotten klimafreundlicher ausrichten, zugleich ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern und auf eine verlässliche Infrastruktur zählen können. Die Diskussion zeigt, dass die Transformation der Schifffahrt nicht allein eine technologische Aufgabe ist. Sie betrifft ebenso die politischen Rahmenbedingungen, die Finanzierung und die Funktionsfähigkeit der gesamten Logistikkette.


Der Hamburger Schifffahrtsdialog stand unter dem Titel „Schifffahrt 2030 – Visionen und Realitäten“. Veranstaltet wurde er gemeinsam von der Handelskammer Hamburg, der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation, dem Zentralverband Deutscher Schiffsmakler (ZVDS) und dem Verband Deutscher Reeder (VDR).

JM/NW