Warum Ehrbarkeit wieder zum Wirtschaftsfaktor wird
Beim ersten „Tag der Ehrbarkeit“ in Hamburg diskutierten Führungskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft über Verantwortung, Haltung und langfristigen unternehmerischen Erfolg
Hamburg. Ehrbarkeit – ein Begriff, der zunächst nach hanseatischer Kaufmannstradition klingt, in Zeiten von Krisen, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsendem wirtschaftlichem Druck aber neue Aktualität gewinnt. Beim ersten „Tag der Ehrbarkeit“ der Versammlung Ehrbarer Kaufleute (VEEK) diskutierten rund 120 Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft über die Frage, welche Rolle Haltung und Verantwortung heute in der Unternehmensführung spielen.
Der Konsens der Veranstaltung: Langfristiger wirtschaftlicher Erfolg braucht mehr als Effizienz, Gewinn und funktionierende Compliance-Regeln. Vertrauen, Verlässlichkeit und Verantwortung seien entscheidende Voraussetzungen für nachhaltiges Unternehmertum. „Je größer die Unsicherheit, desto wichtiger die Haltung“, sagte Jochen Spethmann, Vorsitzender der VEEK. „Ehrbarkeit ist kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung für Vertrauen und damit für langfristigen Erfolg.“
Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher betonte die Aktualität des Begriffs. „Ehrbarkeit mag altbacken klingen, ist aber eine sehr moderne Haltung.“ Langfristiger wirtschaftlicher Erfolg entstehe nicht allein aus dem eigenen Vorteil, sondern brauche auch den Blick auf Handelspartner, Konsumenten, Gesellschaft und Umwelt.
Mehr als Regeln und Compliance
Dr. Michael Schleef, CEO der HSBC Bank Deutschland, sieht in der Ehrbarkeit einen wichtigen Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft. Die entscheidende Frage sei nicht allein, ob Unternehmen effizienter, digitaler oder globaler würden. „Sondern ob wir dabei ehrbar bleiben.“ Ehrbarkeit bedeute für ihn Charakter, Verantwortung und Verlässlichkeit. Unternehmen müssten nicht nur fragen, ob etwas legal, profitabel und effizient sei, sondern auch, „ob es richtig und legitim ist“.
In eine ähnliche Richtung argumentierte Immo Schmidt-Jorzig, Geschäftsführer der Kühne Logistics University. Unternehmen brauchten in Zeiten technologischer Umbrüche und globaler Krisen mehr als funktionierende Compliance-Regeln. „Sie brauchen ein inneres Kompass-System.“ Vertrauen sei dabei „die härteste Währung in der Wirtschaft“.
Haltung auch gegenüber der Gesellschaft
Die Diskussion beschränkte sich allerdings nicht auf die interne Unternehmensführung. Prof. Dr. Maja Göpel, Politikökonomin und Transformationsforscherin forderte Unternehmen dazu auf, auch Verantwortung für die demokratischen Rahmenbedingungen zu übernehmen, in denen sie wirtschaften. Unternehmen seien immer auch politische Akteure und könnten nicht nur Forderungen an die Politik stellen, sagte die Politikökonomin und Transformationsforscherin. Sie hätten auch die Aufgabe, die Demokratie und damit die Voraussetzungen für nachhaltige Geschäftsmodelle zu verteidigen.
Noch deutlicher formulierte es Birgit Lohmeyer, Initiatorin des Demokratie- und Toleranzfestivals „Jamel rockt den Förster“. „Führung beginnt mit Haltung. Unternehmensführung ist nicht nur operatives Management – sie ist Werteträger.“ Gerade beim Thema Rechtsextremismus sei vollständige Neutralität eine Illusion.
Antje von Dewitz, Geschäftsführerin und Gesellschafterin des Outdoorausrüsters VAUDE, verwies darauf, dass verantwortungsvolles Unternehmertum ökonomische, ökologische und soziale Folgen gleichermaßen berücksichtigen müsse. Nachhaltige Transformation müsse so in das Geschäftsmodell integriert werden, dass daraus langfristig auch wirtschaftlicher Erfolg entstehen könne.
Wie aktuell die Diskussion über Haltung und gesellschaftliche Verantwortung ist, zeigen Zahlen aus dem Polarisierungsbarometer 2025 von MIDEM und der Technischen Universität Dresden. Danach nehmen 81 Prozent der Deutschen eine gespaltene Gesellschaft wahr, jede vierte Person sogar eine sehr starke Spaltung. Bei wirtschaftspolitischen Themen scheinen die Fronten allerdings weniger verhärtet zu sein als etwa bei Klima oder Migration. Die Studie sieht hier weiterhin größere Möglichkeiten für sachliche Diskussionen und Kompromisse.
Gleichzeitig sind die wirtschaftspolitischen Erwartungen der Bevölkerung deutlich: 53,5 Prozent wünschen sich mehr Umverteilung, 48,2 Prozent einen stärkeren Schutz heimischer Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz. Nur rund ein Viertel der Befragten setzt auf Freihandel.
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt der Gedanke des Ehrbaren Kaufmanns wieder an Bedeutung. Die Botschaft des ersten Hamburger Tags der Ehrbarkeit lautet deshalb: Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung sind keine Gegensätze. Langfristig könnten Vertrauen, Verlässlichkeit und Haltung sogar zu den wichtigsten Voraussetzungen unternehmerischen Erfolgs gehören.
JM/NW
01/09/26
