Outplacement
Absturz nach ganz oben
Warum immer mehr Führungskräfte nach Kündigungen professionelle Hilfe brauchen – und weshalb spezialisierte Karriereberater gefragt sind wie nie
Hamburg, 12. Mai 2026. Noch vor wenigen Jahren galten Führungskräfte in Deutschland als vergleichsweise krisenfest. Wer es bis in die Geschäftsleitung, Bereichsführung oder ins obere Management geschafft hatte, musste sich um seine berufliche Zukunft meist wenig Sorgen machen. Doch diese Sicherheit bröckelt zunehmend. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurden, ist die Arbeitslosigkeit unter Führungskräften und Managern in Deutschland innerhalb von zwei Jahren um 14 Prozent gestiegen – so stark wie seit Langem nicht mehr. 2024 verloren rund 43.000 Geschäftsführer sowie Abteilungs- und Bereichsleiter ihren Job, 2025 waren es bereits etwa 49.000 hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte.
Besonders brisant: Gerade erfahrene Manager tun sich nach einer Entlassung oft schwerer als gedacht, wieder eine passende Position zu finden. „Je höher die Hierarchiestufe, desto kleiner wird der Arbeitsmarkt“, sagte der bekannte Personalberater Heiner Thorborg einmal über die Situation von Top-Managern. Viele Führungskräfte seien fachlich exzellent, aber nicht ausreichend darauf vorbereitet, sich selbst erfolgreich neu zu positionieren.
Kündigung trifft Führungskräfte oft unvorbereitet
Die Ursachen für den Anstieg sind vielfältig: Unternehmen restrukturieren, digitalisieren, verschlanken Hierarchien oder reagieren auf wirtschaftliche Unsicherheiten. Hinzu kommen die Folgen von KI, Automatisierung und geopolitischen Krisen. Für die Betroffenen bedeutet eine Kündigung häufig mehr als nur den Verlust eines Arbeitsplatzes. Gerade langjährige Führungskräfte erleben den Karrierebruch oft als persönlichen Einschnitt – verbunden mit Statusverlust, Selbstzweifeln und finanziellen Sorgen. „Ein beruflicher Übergang ist nicht bloß eine Phase der Stellensuche, sondern ein tiefer persönlicher Einschnitt“, sagt Tanja Born von der Hamburger Karriere- und Outplacement-Beratung Passionals. Viele Betroffene stünden plötzlich vor grundlegenden Fragen: Welche Rolle will ich künftig übernehmen? Welche Arbeitsbedingungen passen noch zu meinem Leben? Und wie lange trägt mein bisheriges Karrieremodell überhaupt noch? Vor allem ältere Führungskräfte geraten dabei schnell unter Druck. Nicht selten läuft die Freistellung bereits aus, während die Abfindung schmilzt und Bewerbungen erfolglos bleiben.
Der verdeckte Stellenmarkt entscheidet häufig über die Zukunft
Genau hier setzt die wachsende Branche der sogenannten Outplacement- und Karriereberatung an. Anders als klassische Personalvermittlung begleiten solche Berater Führungskräfte beim kompletten beruflichen Neustart – von der strategischen Neuorientierung bis zur konkreten Jobsuche. „Der offene Stellenmarkt ist nur ein Teil der Realität“, sagte der langjährige Executive-Search-Berater Klaus Hansen in Interviews mehrfach. Viele Führungspositionen würden über Netzwerke und persönliche Kontakte besetzt – den sogenannten verdeckten Stellenmarkt.
Für viele entlassene Manager wird professionelle Beratung deshalb zunehmend zum entscheidenden Faktor. Neben Coaching und Bewerbungsstrategien geht es vor allem darum, Klarheit zurückzugewinnen und neue Perspektiven zu entwickeln. „Statt hektischem, angstgetriebenem Aktionismus sollte man zunächst die eigene Laufbahn reflektieren und die nächsten Schritte sorgfältig planen“, sagt Born.
Spezialisierung auf Spitzenkräfte und sensible Trennungsprozesse
Passionals positioniert sich dabei bewusst als Spezialberatung für erfahrene Fach- und Führungskräfte. Die Gründer waren zuvor mehr als zehn Jahre als Seniorpartner bei der Outplacement- und Karriereberatung NewPlacement tätig und verfügen nach eigenen Angaben insgesamt über mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung in der Begleitung beruflicher Neuorientierungen.
Die Beratung konzentriert sich vor allem auf drei Gruppen: Unternehmen, die sich fair und professionell von Mitarbeitern trennen wollen, Führungskräfte auf der Suche nach dem nächsten Karriereschritt – und Manager, die unerwartet von Kündigungen getroffen wurden.
Besonders im letzten Fall gehe es häufig zunächst nicht um Bewerbungen, sondern um Stabilisierung und Orientierung. „Das ganze komplexe System der Arbeitswelt erstmal auf Reset zurückdrehen“, beschreibt Born den Ansatz. Erst wenn Klarheit über Ziele, Rolle und Perspektive geschaffen sei, beginne die eigentliche strategische Neupositionierung.
Dazu gehören neben Coaching auch professionelle Bewerbungsunterlagen, Vorbereitung auf Vertragsverhandlungen und vor allem der Zugang zu einem weitreichenden Netzwerk aus Headhuntern, Personalentscheidern und Unternehmen.
Coaching im Tandem – unterschiedliche Perspektiven als Konzept
Eine Besonderheit des Hamburger Standorts ist das sogenannte Tandem-Coaching. Führungskräfte werden von zwei Beratern mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen begleitet.
Neben Tanja Born arbeitet dort auch Jürgen Wöst, der viele Jahre als HR-Manager in internationalen Konzernen tätig war. Die Kombination aus weiblicher und männlicher Perspektive sowie Erfahrung aus Beratung und operativer Personalarbeit soll den Klienten zusätzliche Orientierung bieten. „Der Fachkräftemangel, Employer Branding und die Transparenz durch Plattformen wie LinkedIn oder kununu sorgen dafür, dass Trennungsprozesse heute strategisch gedacht werden müssen“, sagt Wöst. Gerade durch Digitalisierung und KI hätten sich Bewerbungsprozesse und Anforderungen an Führungskräfte massiv verändert. Klassische Karrierewege funktionierten vielerorts nicht mehr automatisch.
Neustart statt Karriereende
Der Bedarf an spezialisierter Beratung dürfte deshalb weiter steigen. Denn Experten rechnen damit, dass Restrukturierungen, Digitalisierung und KI-Transformation den Druck auf Führungskräfte in den kommenden Jahren eher erhöhen werden. Für viele Betroffene geht es dabei längst nicht mehr nur um den nächsten Job. Sondern um die Frage, wie ein beruflicher Neustart gelingen kann, wenn die eigene Karriere plötzlich ins Wanken gerät.
JM/NW
