NORDMETALL-Jugendstudie 2026:

Schleswig-Holsteins Jugendliche wollen anpacken

Praktika gewinnen bei der Berufsorientierung an Bedeutung – duales Studium besonders attraktiv

Hamburg, 10. September 2026. Die junge Generation in Schleswig-Holstein blickt mit Tatendrang, aber auch mit Sorgen auf ihre berufliche Zukunft. Sie ist leistungsbereit, sucht Orientierung und legt Wert auf Sicherheit und gute Perspektiven. Gleichzeitig klaffen die Vorstellungen der Jugendlichen und der tatsächliche Fachkräftebedarf der Wirtschaft teilweise deutlich auseinander. Das zeigt die neue Jugendstudie 2026 von NORDMETALL und der NORDAKADEMIE-Stiftung.


Für die Untersuchung wurden nach Zustimmung des Bildungsministeriums 942 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 11 bis 13 an 15 Schulen in ganz Schleswig-Holstein befragt, überwiegend an Gymnasien. Zusätzlich beteiligten sich Geschäftsführungen sowie Personal- und Ausbildungsleitungen aus 87 Betrieben mit rund 48.400 Beschäftigten, vor allem aus der Metall- und Elektroindustrie (M+E). Die Studie knüpft an die erste Erhebung in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2022 an. Weitere Untersuchungen folgten 2023 in Hamburg, 2024 in Mecklenburg-Vorpommern und 2025 in Bremen.


Praktika sind der wichtigste Türöffner


Für 91 Prozent der Jugendlichen ist das Schulpraktikum das wichtigste Instrument der beruflichen Orientierung. Damit hat seine Bedeutung gegenüber der ersten Erhebung 2022 deutlich zugenommen. Auch für die Unternehmen spielen Praktika eine wichtige Rolle, wenn es um die Auswahl von Nachwuchskräften geht. Neben Fachnoten und IT-Kenntnissen achten sie bei Bewerbungen besonders auf praktische Erfahrungen. Wichtigster Orientierungspunkt außerhalb der Schule bleibt für viele Jugendliche das Elternhaus: 57 Prozent nennen die Eltern als entscheidenden Kompass bei der Berufswahl.


Bei der schulischen Berufs- und Studienorientierung sehen dagegen sowohl Jugendliche als auch Unternehmen noch Luft nach oben. Die Betriebe bewerten sie durchschnittlich mit der Schulnote 3,0, die Jugendlichen mit 2,7. Praxisnahe Angebote, die nachhaltig Interesse und Motivation für bestimmte Berufsfelder wecken, gibt es aus Sicht der Befragten noch zu selten. Gewünscht werden unter anderem konkretere berufliche Perspektiven, mehr Informationen zu Themen wie Geld, Steuern und Rente sowie ein direkter Austausch mit Auszubildenden und Studierenden.


Wunschberufe passen nicht immer zum Fachkräftebedarf


Besonders deutlich wird die Lücke zwischen den Interessen der Jugendlichen und dem Bedarf der Unternehmen bei den Berufsfeldern. Projektmanagement, Forschung und Entwicklung sowie Verkauf und Marketing stehen bei den Schülerinnen und Schülern hoch im Kurs. Die Unternehmen suchen dagegen vor allem Nachwuchs für gewerblich-technische Berufe. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Schulfächern. Mathematik nennen 30 Prozent und Englisch 36 Prozent der Jugendlichen als Lieblingsfach. Für die M+E-Arbeitgeber haben dagegen Fächer wie Physik und Informatik eine deutlich höhere Bedeutung, als es das Interesse der Jugendlichen vermuten lässt. Besonders kritisch für die Industrie: Nur zwölf Prozent der Befragten interessieren sich besonders für MINT-Fächer – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Unter den Interessierten sind fast dreimal so viele Jungen wie Mädchen.


Gehälter werden deutlich unterschätzt


Auch bei den Verdienstmöglichkeiten zeigt die Studie eine erhebliche Fehleinschätzung. Jugendliche erwarten nach einer Berufsausbildung im Durchschnitt ein Einstiegsgehalt von rund 2.168 Euro brutto im Monat. Die befragten M+E-Betriebe zahlen dagegen durchschnittlich 3.401 Euro. Noch größer ist die Differenz bei einem Bachelorabschluss: Hier rechnen die Jugendlichen mit einem Einstiegsgehalt von lediglich 2.901 Euro, während die Realität in der M+E-Branche bei rund 4.250 Euro liegt.


Für NORDMETALL ist das ein wichtiger Ansatzpunkt im Wettbewerb um Nachwuchskräfte. Thomas Küll, Abteilungsleiter Bildung, Arbeitsmarkt und Fachkräfte sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei NORDMETALL, sagt: „Die Studie belegt: Die Jugend in Schleswig-Holstein will sich engagieren. Um diesen motivierten Nachwuchs für unsere Betriebe zu gewinnen, müssen wir praxisnahen Orientierungsangeboten noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Hierfür bedarf es eines Rahmens, der die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen noch mehr fördert, insbesondere mit Blick auf Initiativen der Berufsorientierung. Als Arbeitgebervertreter müssen wir den jungen Menschen und ihren Eltern noch deutlicher machen, wie attraktiv die Perspektiven in der Metall- und Elektroindustrie sind. Beispielsweise hinsichtlich der exzellenten Gehälter, die weit über den Erwartungen der Jugendlichen liegen, aber auch hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten. Jeder zweite Jugendliche kann sich grundsätzlich vorstellen, bei uns zu arbeiten – dieses Potenzial wollen wir heben.“


Hohe Leistungsbereitschaft trifft auf große Zukunftssorgen


Die Studie zeichnet zugleich ein differenziertes Bild der jungen Generation. Motivation, Teamfähigkeit und Lernbereitschaft werden von den Unternehmen als zentrale Zukunftskompetenzen gesehen. Die Jugendlichen selbst unterschätzen diese Faktoren jedoch deutlich. Gleichzeitig steigt ihre Bereitschaft, bei arbeitsreichen Projekten bezahlte Überstunden zu leisten, gegenüber 2022. Auch bei den Arbeitszeitwünschen gibt es Veränderungen: 49 Prozent der Mädchen können sich heute eine Vollzeitbeschäftigung vorstellen – 2022 waren es noch 41 Prozent.


43 Prozent aller Befragten streben eine Führungsposition an. Das deutet auf eine hohe Bereitschaft hin, Verantwortung zu übernehmen. Dennoch ist die Zukunft für viele nicht frei von Sorgen. 73 Prozent fürchten sich vor Krieg und geopolitischer Unsicherheit, 71 Prozent vor fehlendem bezahlbarem Wohnraum. Umso wichtiger sind ihnen verlässliche Perspektiven im Berufsleben. Ganz oben auf der Wunschliste stehen ein sicherer Arbeitsplatz, gute Führungskräfte und ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld. Vor allem Mädchen legen dabei Wert auf eine diskriminierungsfreie Atmosphäre und eine betriebliche Altersvorsorge: 85 Prozent nennen diesen Aspekt, bei den Jungen sind es 52 Prozent.


Weniger Werkzeug, mehr Bildschirm


Auch der Blick auf die Freizeit zeigt einen Wandel der Lebenswelt. Fast alle Jugendlichen nutzen intensiv Smartphones, 59 Prozent verbringen täglich mehr als eine Stunde mit Social Media. Gleichzeitig nehmen praktische Erfahrungen im Alltag ab. Nur 13 Prozent greifen häufig zu einfachen Werkzeugen wie Schraubenzieher, Zange oder Hammer. Bei Elektrowerkzeugen sind es lediglich sechs Prozent. 41 Prozent lesen in ihrer Freizeit überhaupt nicht.


Duales Studium trifft den Zeitgeist


Eine besonders deutliche Entwicklung zeigt sich bei den Plänen für die Zeit nach dem Abitur. Das klassische Hochschulstudium steht mit 40 Prozent zwar weiterhin an erster Stelle, verliert aber leicht an Attraktivität. Gleichzeitig gewinnt das duale Studium deutlich an Bedeutung: 81 Prozent der Jugendlichen bewerten diese Studienform als attraktiv. Für Unternehmen eröffnet das Chancen, frühzeitig mit potenziellen Nachwuchskräften in Kontakt zu kommen und akademische Ausbildung mit praktischer Erfahrung zu verbinden.


Prof. Dr. Stefan Wiedmann, Präsident und Sprecher des Vorstandes der NORDAKADEMIE sowie Vorstand der NORDAKADEMIE-Stiftung, sagt: „Dass über 80 Prozent der Jugendlichen ein duales Studium attraktiv finden, ist ein starkes Signal – und zeigt, dass diese Studienform vielen jungen Menschen genau die Antworten gibt, die sie in einer zunehmend unbeständigen Welt suchen. Das duale Studium verbindet akademische Exzellenz mit einer verlässlichen beruflichen Perspektive und schafft damit Orientierung in einer Phase, in der Zukunftssorgen und Unsicherheiten für viele Jugendliche prägend sind. Junge Menschen wünschen sich heute einen klaren Weg und echte Praxisnähe. Genau das bietet das duale Studium. Um die Lücke zwischen den Projektmanagement Wünschen der Jugendlichen und dem technischen Personalbedarf der regionalen Wirtschaft zu schließen, entwickeln wir unsere dualen Studiengänge im engen Austausch mit unseren Partnerunternehmen kontinuierlich weiter.“


Die Jugendstudie zeigt damit vor allem eines: Schleswig-Holsteins Unternehmen treffen auf eine Generation, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen will. Damit aus dieser Bereitschaft auch berufliche Perspektiven entstehen, braucht es jedoch mehr praktische Einblicke, eine stärkere Verbindung von Schule und Wirtschaft – und eine bessere Kommunikation darüber, welche Chancen die regionalen Unternehmen tatsächlich bieten.


Weitere Details der Jugendstudie finden Sie hier: www.nordmetall-jugendstudie.de


Quelle: NORDMETALL

JM/NW