EU-Mercosur-Abkommen: Rückenwind für Europas Handel und Deutschlands Seehäfen

Mit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens setzt die EU auf resilientere Lieferketten, neue Marktchancen und strategische Partnerschaften – trotz anhaltender Kritik aus Umwelt- und Agrarkreisen.

Hamburg, 16. Januar 2026 Mit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten hat die EU einen wirtschafts- und geopolitisch bedeutsamen Schritt vollzogen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen soll das Abkommen den Handel zwischen Europa und Südamerika auf eine neue Stufe heben. Für den europäischen Markt bedeutet es vor allem eines: besseren Zugang zu wichtigen Rohstoffen, neue Absatzmärkte für Industrieprodukte und mehr Stabilität in globalen Lieferketten. Besonders profitieren dürften die deutschen Seehäfen als zentrale Drehscheiben des transatlantischen Handels.

Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay*) zählen bereits heute zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands in Südamerika. Entsprechend groß ist die strategische Bedeutung des Abkommens für die Hafenwirtschaft. „Das Mercosur-Abkommen ist ein wichtiges Signal für offenen, regelbasierten Handel. Für die deutschen Seehäfen bedeutet es Planungssicherheit, neue Umschlagpotenziale und die Chance, transatlantische Lieferketten zukunftsfest aufzustellen“, erklärt Florian Keisinger, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS).


Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind bereits beachtlich: Im Jahr 2024 exportierte Deutschland Waren im Wert von rund 16 Milliarden Euro in die vier Mercosur-Staaten. Geliefert wurden vor allem Maschinen, Fahrzeuge und Fahrzeugteile sowie chemische Erzeugnisse. Umgekehrt importierte Deutschland insbesondere Rohstoffe und Nahrungsmittel aus Südamerika; der Gesamtwert der Einfuhren lag bei gut 10 Milliarden Euro. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor.


Eine Schlüsselrolle spielen dabei die deutschen Seehäfen. Sie fungieren als logistische Knotenpunkte für den Handel mit Südamerika. 2024 wurden über deutsche Seehäfen mehr als 7 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, die aus den Mercosur-Staaten stammten oder dorthin geliefert wurden. Der Containerumschlag belief sich auf 286.000 Standardcontainer (TEU). Mit dem Abkommen verbinden die Hafenbetreiber die Erwartung, diese Volumina nicht nur zu sichern, sondern weiter auszubauen.


Für den europäischen Markt insgesamt verspricht das Mercosur-Abkommen handfeste Vorteile: Der Abbau von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen soll Exporte verbilligen, Bürokratie reduzieren und die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen stärken. Gleichzeitig eröffnet das Abkommen Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen und Agrarprodukten – ein wichtiger Baustein, um Lieferketten zu diversifizieren und weniger anfällig für geopolitische Krisen zu machen.


Kritik kommt dennoch von verschiedenen Seiten. Umweltverbände und Teile der Landwirtschaft warnen vor einer zunehmenden Abholzung des Regenwaldes, ungleichen Produktionsstandards und zusätzlichem Wettbewerbsdruck für europäische Landwirte. Befürworter des Abkommens verweisen hingegen auf Nachhaltigkeitskapitel und die Chance, durch engere wirtschaftliche Verflechtungen auch soziale und ökologische Standards besser zu verankern.


Nach 25 Jahren Verhandlungen rückt nun die Umsetzung in den Fokus. Aus Sicht der Hafenwirtschaft ist dabei Tempo gefragt. Neben der zügigen Ratifizierung des Mercosur-Abkommens mahnt der ZDS auch den Abschluss weiterer Freihandelsabkommen an – etwa mit Indien. Ziel ist es, Europas Handel breiter aufzustellen und die Rolle der Seehäfen als Rückgrat resilienter Lieferketten weiter zu stärken.

*)Vollmitglieder: Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Bolivien. Suspendiert: Venezuela


JM/NW