Fachkräftemangel beginnt im Kindergarten:
Warum frühe MINT-Förderung zum Standortfaktor wird
Beim Lübecker Kita-Forschertag entdecken Kinder Medizin und Technik – und liefern ein Beispiel dafür, wie Deutschland dem Mangel an qualifizierten Fachkräften langfristig begegnen kann
Lübeck, 23. März 2026. „Sag mal Aaah!“ – und denk an morgen. Während Unternehmen in Deutschland händeringend nach qualifizierten Fachkräften suchen, beginnt die Lösung eines der größten wirtschaftlichen Probleme des Landes erstaunlich früh: im Kindergarten. Gerade in technischen Berufen, in der Medizintechnik und den Life Sciences wächst der Bedarf an gut ausgebildeten Nachwuchskräften seit Jahren schneller als das Angebot. Initiativen wie der Kita-Forschertag in Lübeck zeigen, wie frühzeitige MINT-Förderung zum entscheidenden Baustein für die Zukunft des Standorts werden kann.
Rund 90 Kinder aus neun Kitas in Lübeck und Stockelsdorf haben in diesem Jahr die Dorothea-Schlözer-Schule besucht, die sich für einen Tag in ein Forschungslabor rund um Gesundheit und Medizin verwandelte. Unter dem Motto „Sag mal Aaah! Gesund in die Zukunft“ untersuchten die Kinder, wie Haut unter dem Binokular aussieht, wie der Körper Nahrung verarbeitet oder wie ein Stethoskop funktioniert. Spielerisch näherten sie sich damit komplexen naturwissenschaftlichen Zusammenhängen.
Organisiert wird der Forschertag seit inzwischen zehn Jahren als Teil der MINT-Aktionstage der Fachschule. Entwickelt und betreut werden die Stationen von angehenden Erzieherinnen und Erziehern, die dabei nicht nur den Kindern Wissen vermitteln, sondern auch selbst wertvolle Praxiserfahrungen sammeln.
Der Zuspruch ist groß: Die Nachfrage übersteigt seit Jahren die verfügbaren Plätze. Für Andrea Baum, Netzwerkkoordinatorin des Vereins Kinder forschen Schleswig-Holstein Ost e.V., ist das ein deutliches Signal für die Relevanz des Formats. Was einst mit einer kleinen Gruppe begann, hat sich zu einem festen Bestandteil früher Bildung in der Region entwickelt.
Auch aus bildungspolitischer Sicht gilt die frühe Heranführung an MINT-Themen als Schlüssel. Lübecks Bildungssenatorin Monika Frank betont, dass Kinder von Natur aus neugierig seien und durch eigenes Forschen lernen, Antworten selbst zu erschließen – eine Kompetenz, die weit über naturwissenschaftliche Inhalte hinausreicht.
Für die Wirtschaft ist diese Entwicklung mehr als nur ein pädagogisches Projekt. Thomas Buhck, Präses der IHK zu Lübeck, verweist auf den akuten Bedarf an Fachkräften mit technischem Know-how. Gerade in der Hansebelt-Region rund um Lübeck zählen Medizintechnik und Life Sciences zu den zentralen Zukunftsbranchen. Unternehmen seien darauf angewiesen, dass sich früh Interesse und Verständnis für naturwissenschaftliche Themen entwickeln.
Damit wird der Kita-Forschertag zu einem Beispiel für eine strategische Herausforderung im größeren Maßstab: Die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hängt zunehmend davon ab, ob es gelingt, ausreichend qualifizierten Nachwuchs für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu gewinnen. Frühkindliche Bildung wird so zur ersten Stufe der Fachkräftesicherung.
Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Dräger-Stiftung. Deren Vorstandsvorsitzender Stefan Dräger sieht in der frühen Begeisterung für Naturwissenschaften einen entscheidenden Grundstein für späteres Lernen. Neben Veranstaltungen wie dem Forschertag setzt die Stiftung auch auf Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte und Angebote für Familien – ein Ansatz, der die Förderung ganzheitlich und langfristig anlegt.
Die Botschaft aus Lübeck ist damit klar: Wer dem Fachkräftemangel wirksam begegnen will, muss früher ansetzen. Projekte wie der Kita-Forschertag sind keine isolierten Bildungsinitiativen, sondern Investitionen in die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit ganzer Regionen – und letztlich des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
JM/NW
