Familienfreundlichkeit wird zum Wettbewerbsfaktor

Trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten setzen neun von zehn Unternehmen auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das verändert auch die Arbeitswelt – und kann vor allem für Frauen ein wichtiger Schlüssel zu mehr beruflicher Teilhabe und Karriere sein.


Hamburg/Köln, 15. September 2026. Familienfreundlichkeit ist in der deutschen Wirtschaft längst mehr als ein freiwilliges Zusatzangebot. 88 Prozent der Unternehmen halten sie inzwischen für wichtig – so viele wie nie zuvor. Selbst unter Betrieben, die wirtschaftlich schlecht dastehen, sind es noch rund 85 Prozent. Das zeigt der Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2026 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), für den rund 1.000 Unternehmen und 5.000 Beschäftigte befragt wurden.


Familienfreundlichkeit wird für Unternehmen zunehmend zum Wettbewerbsfaktor – gerade bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften. Foto: KI-generiert


Bemerkenswert ist dabei die Entwicklung der vergangenen Jahre: 2015 bezeichneten sich gut 41 Prozent der Unternehmen als ausgeprägt familienfreundlich. Heute sind es fast 57 Prozent. Familienfreundlichkeit ist damit zunehmend Teil der Personalpolitik – und wird angesichts des Fachkräftemangels zu einem handfesten Wettbewerbsfaktor.


Vereinbarkeit als Voraussetzung für mehr Teilhabe


Das Thema hat auch eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimension. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheidet mit darüber, ob Menschen ihre berufliche Tätigkeit nach einer Familienphase fortsetzen können, ihre Arbeitszeit ausweiten oder berufliche Verantwortung übernehmen. Für Frauen ist dies besonders relevant, weil Betreuungs- und Familienaufgaben nach wie vor häufig mit ihrer Erwerbsbiografie verknüpft sind.


Unternehmen, die flexible Arbeitszeiten, verlässliche Planbarkeit und individuelle Lösungen anbieten, schaffen damit bessere Voraussetzungen dafür, dass Beschäftigte ihre beruflichen Perspektiven trotz familiärer Verpflichtungen weiterverfolgen können. Familienfreundlichkeit kann so dazu beitragen, vorhandene Arbeitskräftepotenziale besser zu nutzen. IW-Ökonomin Andrea Hammermann sieht die Entwicklung entsprechend als festen Bestandteil moderner Personalpolitik: „Familienfreundlichkeit gehört mittlerweile zur personalpolitischen DNA der Mehrheit der Unternehmen.“


Besonders schwierig: Arbeit im Schichtbetrieb


Wie wichtig konkrete Gestaltungsmöglichkeiten sind, zeigt die Situation von Beschäftigten im Schichtdienst. Für sie ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie naturgemäß schwieriger. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob Arbeitszeiten flexibel sind, sondern auch, wie viel Einfluss Beschäftigte darauf haben. 77 Prozent der Unternehmen mit Schichtbetrieb ermöglichen ihren Mitarbeitern, Schichten untereinander zu tauschen. Diese Möglichkeit wird offenbar angenommen: Rund drei Viertel der Beschäftigten im Schichtdienst bewerten die Vereinbarkeit ihrer Arbeitszeiten mit familiären Verpflichtungen als gut.


Ein wesentlicher Faktor ist dabei die Planbarkeit. Sind Beschäftigte selten von kurzfristigen Änderungen ihrer Arbeitszeiten betroffen, sind fast 89 Prozent mit der Vereinbarkeit zufrieden. Bei häufigen kurzfristigen Umplanungen fällt dieser Anteil auf unter 53 Prozent.


Vom familienfreundlichen Angebot zur Fachkräftestrategie


Die Zahlen zeigen damit auch, wohin sich die Personalpolitik entwickelt: Familienfreundlichkeit wird zunehmend als Bestandteil einer langfristigen Fachkräftestrategie verstanden. Unternehmen konkurrieren nicht nur um qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber, sondern müssen Beschäftigte auch langfristig halten. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit ist deshalb bemerkenswert, dass die Bedeutung des Themas nicht zurückgeht. Im Gegenteil: Familienfreundlichkeit gewinnt an Gewicht, weil sie eine Antwort auf zwei Herausforderungen zugleich geben kann – den Wunsch der Beschäftigten nach einer besseren Vereinbarkeit und den wachsenden Bedarf der Unternehmen an qualifizierten Arbeitskräften. Für die Zukunft dürfte dieser Zusammenhang noch wichtiger werden. „Wer im Fachkräftemangel Beschäftigte gewinnen und halten will, muss ihnen ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren“, sagt Hammermann.

Quelle: IW Köln

Bearbeitet: JM/NW