Führung am Limit: Wenn die eigene Gesundheit auf der Strecke bleibt

Eine Studie der HanseMerkur zeigt, wie stark Führungskräfte in Deutschland belastet sind. Mehr als die Hälfte arbeitet trotz fehlender Arbeitsfähigkeit weiter. Zugleich können sich viele nicht vorstellen, bis ins höhere Alter berufstätig zu bleiben.

Hamburg, 20. Oktober 2026. Führungskräfte sollen Orientierung geben, Entscheidungen treffen und ihre Mitarbeitenden durch schwierige Zeiten steuern. Doch wer andere gesund und leistungsfähig halten soll, vernachlässigt häufig die eigene Gesundheit. Das zeigt der neue HanseMerkur Longevity Leadership Report, für den das Markt- und Sozialforschungsinstitut Ipsos 500 Führungskräfte in Deutschland befragt hat. Die Ergebnisse verweisen auf einen Widerspruch mit Folgen für Unternehmen: Der Anspruch an gesunde Führung trifft auf einen Arbeitsalltag, in dem Erholung und persönliche Belastungsgrenzen häufig zu kurz kommen.

Zwei Dritteln der Befragten (67 Prozent) fällt es leichter, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu achten als auf die eigene. 58 Prozent sagen, dass die Anforderungen ihrer Führungsrolle es erschweren, die Empfehlungen, die sie ihren Mitarbeitenden geben, selbst umzusetzen. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt sich auch beim Umgang mit Krankheit: Mehr als jede zweite Führungskraft (53 Prozent) arbeitet nach eigenen Angaben regelmäßig weiter, obwohl sie sich eigentlich nicht arbeitsfähig fühlt. 60 Prozent haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich krankschreiben lassen. Für Unternehmen stellt sich damit nicht nur die Frage, wie sich die Gesundheit ihrer Beschäftigten fördern lässt. Auch die Arbeitsbedingungen und Belastungen derjenigen, die Verantwortung tragen, rücken in den Blick.

Personalmangel und Arbeitsdichte setzen Führungskräften zu


Die größten Belastungsfaktoren sind laut Studie der Personalmangel, den 42 Prozent der Befragten nennen, die ständige Erreichbarkeit (33 Prozent) und eine hohe Arbeitsdichte (30 Prozent). Fast jede zweite Führungskraft (48 Prozent) hat bereits gesundheitliche Nachteile für den Beruf in Kauf genommen. Jede Dritte (33 Prozent) hat aufgrund der Belastungen sogar schon darüber nachgedacht, ihre Führungsverantwortung aufzugeben.


Besonders deutlich wird die Beanspruchung dort, wo Erholung eigentlich beginnen sollte. 49 Prozent der Befragten sagen, dass ihr Schlaf zu kurz kommt. Bei den 24- bis 49-Jährigen sind es sogar 52 Prozent. Auch Erholung (42 Prozent), Freundschaften (37 Prozent) und Familie (33 Prozent) bleiben nach Angaben der Befragten häufig hinter den beruflichen Anforderungen zurück.


Studienleiter Dr. Gerd Wirtz sieht darin ein grundlegendes Problem des Führungsalltags: „Deutschlands Chefetagen haben kein Wissensproblem, sondern ein Vorbildproblem“, sagt er. „Führungskräfte wissen, dass Erholung leistungsfähig hält – und opfern trotzdem als Erstes ihren Schlaf. Sie raten ihrem Team zu Pausen und schicken selbst spätabends noch Nachrichten. Damit sparen sie ausgerechnet an dem Organ, mit dem sie führen: dem Gehirn. Wer dauerhaft übermüdet führt, entscheidet schlechter, reagiert gereizter und gibt seinen Stress an das Team weiter. Gesunde Führung beginnt deshalb nicht beim Obstkorb in der Teeküche, sondern bei der Frage, wann der Chef ins Bett geht.“



Gesundheit wird zum Faktor für die Zukunftsfähigkeit


Dass die eigene Gesundheit auch für die Qualität der Führung eine Rolle spielt, legen weitere Ergebnisse der Untersuchung nahe. Führungskräfte, die ihren Gesundheitszustand positiv bewerten, erkennen gesundheitliche Überlastung ihrer Mitarbeitenden frühzeitiger. Zudem sind sie deutlich häufiger überzeugt, mit ihrem Führungsstil langfristig zu gesünderen und leistungsfähigeren Mitarbeitenden beizutragen: 71 Prozent gegenüber 43 Prozent bei gesundheitlich belasteten Führungskräften. Auch ihre Einschätzung der eigenen langfristigen Arbeitsfähigkeit fällt tendenziell optimistischer aus.


„Gesundheit prägt nicht nur die persönliche Lebensqualität, sie ist auch ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und Wirtschaft“, sagt Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender der HanseMerkur. „Die Gesundheit von Führungskräften wirkt weit über die eigene Person hinaus. Sie beeinflusst die Qualität von Führung, die Leistungsfähigkeit von Teams und die langfristige Arbeitsfähigkeit in Unternehmen. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werden Gesundheits- und Präventionsmaßnahmen zu einem strategischen Zukunftsthema.“


Für die betriebliche Praxis stellt sich damit die Frage, wie Gesundheitsvorsorge und Prävention stärker in den Führungsalltag integriert werden können. Denn wenn Führungskräfte dauerhaft unter hoher Belastung arbeiten, betrifft das nicht nur ihre persönliche Lebensqualität, sondern potenziell auch die Zusammenarbeit in ihren Teams.


Längere Lebensarbeitszeit trifft auf begrenzte Perspektiven


Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse mit Blick auf die Debatte über längere Lebensarbeitszeiten. Zwar sind 72 Prozent der Befragten überzeugt, ihr aktuelles Arbeitspensum auch in den kommenden fünf Jahren gesundheitlich bewältigen zu können. Dennoch können sie sich im Schnitt nur vorstellen, bis zum Alter von 60 Jahren erwerbstätig zu sein.


Zwischen den Altersgruppen zeigen sich dabei deutliche Unterschiede. Die 24- bis 49-Jährigen können sich im Durchschnitt vorstellen, bis zum Alter von 59 Jahren zu arbeiten. Bei den 50- bis 74-Jährigen liegt der Wert bei etwa 65 Jahren. Jede fünfte Führungskraft unter 50 Jahren sieht sich sogar höchstens bis zum Alter von 50 Jahren im Erwerbsleben.


Die Ergebnisse bilden damit ein Spannungsfeld ab: Viele Führungskräfte trauen sich zu, ihr derzeitiges Arbeitspensum kurzfristig weiter zu bewältigen. Zugleich bleibt ihre Perspektive auf ein längeres Berufsleben begrenzt. Für Unternehmen, die angesichts des demografischen Wandels auf erfahrene Beschäftigte und Führungskräfte angewiesen sind, ist das ein wichtiger Befund. Die Studie zeigt zwar nicht, welche Faktoren für die persönliche Einschätzung ausschlaggebend sind. Sie macht aber deutlich, dass die Bereitschaft, länger zu arbeiten, nicht allein von der formalen Möglichkeit dazu abhängt.


Zur Studie

Der HanseMerkur Longevity Leadership Report basiert auf einer Online-Befragung, die die IPSOS GmbH im Auftrag der HanseMerkur Krankenversicherung vom 13. bis 24. August 2026 durchgeführt hat. Die wissenschaftliche Studienleitung lag bei Dr. Gerd Wirtz. Befragt wurden 500 in Vollzeit tätige Führungskräfte in Deutschland aus unter anderem Wirtschaft, Handel und Industrie im Alter von 24 bis 74 Jahren. Davon waren 30 Prozent Frauen und 70 Prozent Männer. Das Durchschnittsalter betrug 40,8 Jahre. Die Befragten verteilten sich auf die oberste, mittlere und untere Führungsebene und waren für unterschiedlich viele Mitarbeitende verantwortlich.

Quelle: HANSEMERKUR

Bearbeitet: JM/NW