Industrie unter Druck: Jeder vierte Betrieb erwägt Verlagerung ins Ausland
NORDMETALL-Herbstumfrage zeigt wachsende Standortprobleme in Norddeutschland. Während Niedersachsen besonders unter Auftragsmangel leidet, kämpfen auch Hamburgs Unternehmen mit Kosten und Personalfragen.
Hamburg, 19. Oktober 2026. Die norddeutsche Metall- und Elektroindustrie steht weiter unter Druck. Mehr als jeder vierte Betrieb plant inzwischen, Teile seiner Produktion ins Ausland zu verlagern. Das ist ein historischer Höchststand. Hohe Arbeitskosten, steigende Energie- und Materialpreise sowie Bürokratie setzen die Unternehmen unter Druck. Zugleich zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern: Besonders angespannt ist die Lage im nordwestlichen Niedersachsen, während Hamburg bei der Geschäftslage und beim Auftragsmangel vergleichsweise besser abschneidet.
„Die Krise der Industrie in Deutschland treibt mittlerweile mehr als ein Viertel der norddeutschen M+E-Betriebe dazu, dem Standort den Rücken zu kehren und Produktionsverlagerungen ins Ausland zu planen – das ist ein historischer Höchststand“, sagt Lena Ströbele, NORDMETALL-Vizepräsidentin und Tarifverhandlungsführerin. An der Herbst-Konjunkturumfrage 2026 von NORDMETALL, AGV NORD und den Arbeitgeberverbänden in Oldenburg sowie Ostfriesland beteiligten sich bis in den September hinein 174 Mitgliedsunternehmen mit rund 100.900 Beschäftigten.
Acht von zehn Unternehmen sehen die hohen Arbeitskosten als belastenden Wirtschaftsfaktor. In der laufenden Tarifrunde wird darüber mit der Gewerkschaft verhandelt. Ströbele verweist auf die Kostenunterschiede im europäischen Vergleich: In Polen koste eine Arbeitsstunde einschließlich der Personalzusatzkosten bei mittlerweile vergleichbarer Produktqualität in vielen Bereichen gut 18 Euro – weniger als ein Drittel der 55 Euro in Deutschland. Rund zwei Drittel der befragten Betriebe nennen zudem stark gestiegene Energie- und Materialpreise sowie die Bürokratie als erhebliche Belastungen.
Niedersachsen besonders stark vom Auftragsmangel betroffen
Wie unterschiedlich sich die Krise regional auswirkt, zeigt der Blick auf die einzelnen Länder. Im nordwestlichen Niedersachsen beurteilen 56 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als kritisch oder sehr kritisch. Das sind elf Prozentpunkte mehr als im Frühjahr. Fast jedes zweite Unternehmen, 48 Prozent, leidet unter Auftragsmangel. 60 Prozent rechnen in den kommenden sechs Monaten mit sinkenden oder allenfalls gleichbleibenden Umsätzen.
Auch bei der Beschäftigung bleibt die Lage angespannt: 15 Prozent der befragten Unternehmen im nordwestlichen Niedersachsen planen, Personal abzubauen, ebenso viele wollen neue Beschäftigte einstellen. Bei 70 Prozent soll die Zahl der Mitarbeiter unverändert bleiben. Die Verfügbarkeit von Fachkräften beurteilen 32 Prozent als schlecht oder unbefriedigend, bei geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungsplätze sind es 37 Prozent.
Hamburg: Geschäftslage vergleichsweise stabiler, Personalbedarf bleibt
In Hamburg fällt die Bewertung der Geschäftslage weniger kritisch aus als im nordwestlichen Niedersachsen. 26 Prozent der Unternehmen stufen ihre aktuelle Situation als unbefriedigend oder schlecht ein. Unter Auftragsmangel leiden 20 Prozent. Damit liegen beide Werte unter den entsprechenden Ergebnissen für die norddeutsche Metall- und Elektroindustrie insgesamt. Bei den Personalplänen zeigt sich ein differenziertes Bild: 20 Prozent der Hamburger Betriebe wollen in den kommenden drei Monaten Stellen abbauen, während 30 Prozent einen Beschäftigungsaufbau planen. Auch die Fachkräftesuche bleibt eine Herausforderung. Jeweils 37 Prozent der Unternehmen bewerten die Verfügbarkeit von Fachkräften sowie von geeigneten Auszubildenden als schlecht oder unbefriedigend.
Bremen und Schleswig-Holstein mit gegensätzlichen Personalplänen
In Bremen stehen die Beschäftigungsaussichten besonders unter Druck. 23 Prozent der Unternehmen planen einen Personalabbau – der höchste Anteil unter den betrachteten Ländern. Gleichzeitig melden 46 Prozent eine schlechte oder unbefriedigende Verfügbarkeit von Fachkräften und sogar 50 Prozent Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden. Auch die Möglichkeit, gestiegene Kosten über höhere Preise weiterzugeben, ist eingeschränkt: 92 Prozent der Bremer Unternehmen können Kostensteigerungen nicht oder nur teilweise auffangen. Unter Auftragsmangel leiden 23 Prozent.
Schleswig-Holstein zeigt dagegen einen vergleichsweise hohen Personalbedarf. 33 Prozent der Unternehmen planen Neueinstellungen, mehr als in den anderen betrachteten Ländern. Zugleich wollen 19 Prozent ihre Belegschaft verkleinern. Die aktuelle Geschäftslage bewerten 22 Prozent als unbefriedigend oder schlecht, 30 Prozent melden Auftragsmangel. Auch hier bleibt die Suche nach Beschäftigten schwierig: 46 Prozent sehen Probleme bei der Fachkräfteverfügbarkeit, 43 Prozent bei geeigneten Ausbildungsbewerberinnen und -bewerbern.
Mecklenburg-Vorpommern: Fachkräftemangel bleibt ein Problem
In Mecklenburg-Vorpommern beurteilen 26 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als unbefriedigend oder schlecht, 23 Prozent leiden unter Auftragsmangel. Für die kommenden sechs Monate rechnen 55 Prozent mit sinkenden oder allenfalls gleichbleibenden Umsätzen. Bei den Personalplänen stehen Abbau und Aufbau nebeneinander: 19 Prozent der Betriebe wollen Stellen streichen, 32 Prozent planen Neueinstellungen. Besonders ausgeprägt ist der Fachkräftemangel. 52 Prozent bewerten die Verfügbarkeit von Fachkräften als schlecht oder unbefriedigend – der höchste Wert unter den betrachteten Ländern.
Schwache Auslastung und wenig Spielraum bei Preisen
Über alle befragten Unternehmen hinweg bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt. Die Kapazitätsauslastung der Maschinen und Anlagen in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie liegt bei 83,2 Prozent. Damit bleibt sie unter dem langjährigen Durchschnitt von 85 Prozent und deutlich unter den rund 90 Prozent, die vor und nach der Corona-Pandemie erreicht wurden. 94 Prozent der Unternehmen können Kostensteigerungen nicht oder nur teilweise durch höhere Preise ausgleichen. Insgesamt beurteilt mit 29 Prozent fast jeder dritte Betrieb seine aktuelle Geschäftslage als unbefriedigend oder schlecht. 28 Prozent leiden unter Auftragsmangel. Für das kommende halbe Jahr rechnen 52 Prozent mit sinkenden oder allenfalls gleichbleibenden Umsätzen. 16 Prozent erwarten eine Verschlechterung ihrer Geschäftslage, 58 Prozent gehen von einer unveränderten Situation aus. Bei den Investitionen bleiben viele Unternehmen vorsichtig: 21 Prozent wollen ihre Ausgaben zurückfahren, 54 Prozent sie zumindest auf dem Vorjahresniveau halten.
Industrie zwischen Personalabbau und Neueinstellungen
Auch bei der Beschäftigung gehen die Erwartungen auseinander. In den kommenden drei Monaten planen 16 Prozent der norddeutschen Metall- und Elektrobetriebe einen Personalabbau, 56 Prozent wollen ihre Beschäftigtenzahl konstant halten und 28 Prozent neue Mitarbeiter einstellen.
Die Unterschiede zwischen den Branchen sind erheblich. Ein Drittel der Unternehmen im Straßenfahrzeugbau und mehr als ein Viertel der Maschinenbauer planen, Personal abzubauen. Dagegen wollen 50 Prozent der Luft- und Raumfahrzeugbauer sowie 45 Prozent der Schiffbauer neue Beschäftigte einstellen. Insgesamt ergibt sich für die norddeutsche Metall- und Elektroindustrie ein Einstellungsbedarf von rund 550 Personen.
Bei der Verfügbarkeit von Fachkräften melden 43 Prozent der Unternehmen eine schlechte oder unbefriedigende Lage. Bei geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungsplätze liegt der Anteil bei 39 Prozent. Die regionalen Unterschiede sind deutlich: Während in Mecklenburg-Vorpommern 52 Prozent über Schwierigkeiten bei der Fachkräftesuche berichten, sind es im nordwestlichen Niedersachsen 32 Prozent.
Mehrheit sieht Standort Deutschland an Attraktivität verlieren
Die strukturellen Probleme wirken sich auch auf die langfristigen Standortentscheidungen aus. 51 Prozent der norddeutschen Industrieunternehmen sind der Ansicht, dass die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland in den vergangenen sechs Monaten abgenommen hat. Von den 26 Prozent der Betriebe, die Produktionsverlagerungen ins Ausland planen, setzt die Mehrheit auf einen Standort innerhalb der Europäischen Union. „Die schwierige Lage weiter Teile der norddeutschen Industrie dauert an. Vor allem im Maschinenbau sowie im Straßenfahrzeugbau stellt sich immer häufiger die Standortfrage“, sagt Ströbele. Selbst in gut laufenden Branchen wie dem Schiffbau und bei den Luft- und Raumfahrzeugbauern mit gefüllten Auftragsbüchern und Personalbedarf wirke sich der wachsende Kostendruck belastend aus.
Wenn mehr als jeder vierte Betrieb der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie Produktionsverlagerungen ins Ausland plane, bestehe massiver Handlungsbedarf. Ziel müsse es sein, die Rahmenbedingungen zu verbessern und dafür zu sorgen, dass eingehende Aufträge in Deutschland und nicht in anderen EU-Staaten abgearbeitet werden. Ströbele ist neben ihrer Funktion bei NORDMETALL Geschäftsführerin der Lürssen Maritime Beteiligungen GmbH & Co. KG. Mit Blick auf die laufende Tarifrunde fordert sie: „Deshalb dringen wir in der laufenden Tarifrunde darauf, dass wir gemeinsam mit unserem Sozialpartner Arbeit in Deutschland erschwinglicher machen: Kosten senken, Standort retten ist das Gebot der Stunde!“
Quelle: NORDMETALL
Bearbeitet: JM/NW
