Studie: KI-Boom ohne Deutschland

Warum die heimische IT-Branche trotz Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz den Anschluss an die US-Konkurrenz zu verlieren droht

Hamburg, 12. Mai 2026. Die Welt erlebt einen KI-Boom – doch Deutschlands IT-Branche steht vielerorts nur am Rand dieser Entwicklung. Während amerikanische Technologiekonzerne mit Cloud-Plattformen, KI-Anwendungen und datengetriebenen Geschäftsmodellen Milliarden verdienen, kämpfen viele deutsche Anbieter noch damit, aus Künstlicher Intelligenz überhaupt ein tragfähiges Geschäft zu machen. Das zeigt eine aktuelle Branchenanalyse des Kreditversicherers Allianz Trade.


Besonders alarmierend: US-Unternehmen erzielen inzwischen rund 70 Prozent der europäischen IT-Umsätze. Deutsche Anbieter hingegen profitieren bislang nur begrenzt vom weltweiten KI-Boom. „Wir sehen aktuell einen globalen KI-Boom“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Allerdings profitieren davon vor allem US-amerikanische IT-Unternehmen. Sie erzielen rund 70 Prozent der europäischen Umsätze, während deutsche Unternehmen wenig von dem Boom spüren und das Wachstum hierzulande deutlich hinterherhinkt.“

Deutschlands strukturelles KI-Problem


Die Ursachen liegen tiefer als in einer kurzfristigen Wachstumsschwäche. Nach Einschätzung von Allianz Trade hat die deutsche IT-Branche ein strukturelles Problem: Viele Unternehmen sind ausgerechnet in den wachstumsstärksten Bereichen kaum vertreten. Dazu gehören vor allem Hyperscale-Clouds, KI-Plattformen und datengetriebene Ökosysteme – also genau jene Märkte, die derzeit weltweit enorme Investitionen anziehen. Hinzu kommen geringere Kapitalstärke und langsamere Innovationszyklen im Vergleich zu den großen US-Konzernen.


Die Folgen zeigen sich in den Zahlen: Der Gesamtumsatz des deutschen IT- und Software-Sektors stieg 2025 lediglich um rund sechs Prozent. Das liegt etwa drei Prozentpunkte unter dem Zehnjahresdurchschnitt – und weit hinter den zweistelligen Wachstumsraten vieler internationaler Wettbewerber. Zwar konnten sich die Margen auf etwa 15 Prozent erholen und damit gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppeln. Doch dieser Effekt beruht laut Analyse vor allem auf strikter Kostenkontrolle und Preisdisziplin – nicht auf einem nachhaltigen KI-getriebenen Wachstumsschub.


KI wird genutzt – aber noch nicht monetarisiert


Gerade hier liegt das zentrale Dilemma der deutschen IT-Branche: Viele Unternehmen investieren zwar in KI-Technologien oder integrieren sie in bestehende Prozesse. Doch die wirtschaftliche Verwertung bleibt schwierig. „Viele deutsche Anbieter befinden sich derzeit noch in einer frühen Phase, KI wirtschaftlich erfolgreich zu monetarisieren“, sagt Bogaerts. „Da ist noch Luft nach oben und viel Potenzial.“


Die deutsche Wirtschaft gilt innerhalb Europas zwar als vergleichsweise digital reif. Vor allem in Industrie-Software, ERP-Integration und spezialisierten B2B-Lösungen sind deutsche Anbieter weiterhin stark positioniert. Doch im KI-Zeitalter reicht diese traditionelle Stärke allein offenbar nicht mehr aus. Denn KI verändert die Regeln der Branche grundlegend: Wertschöpfung entsteht zunehmend dort, wo große Datenmengen, leistungsfähige Cloud-Infrastrukturen und skalierbare Plattformmodelle zusammenkommen. Genau hier dominieren amerikanische Technologiekonzerne.


Fachkräftemangel bremst den KI-Ausbau


Hinzu kommt ein weiteres Problem: Viele Unternehmen wollen ihre KI-Investitionen zwar deutlich ausweiten, stoßen aber bei der Umsetzung an Grenzen. Besonders der Mangel an Fachkräften entwickelt sich zunehmend zum Bremsfaktor. Dadurch entsteht ein Markt für spezialisierte Dienstleister, die schnelle und messbare KI-Lösungen anbieten können. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie schwer sich viele Unternehmen mit der Skalierung ihrer KI-Projekte tun. „Trotz des moderaten Wachstums bleibt der deutsche IT-Sektor ein zentraler Akteur in Europa“, sagt Guillaume Dejean, Branchenexperte bei Allianz Trade. Doch der Wettbewerb werde härter – und die Zeit knapper.


Daten werden zur neuen Rohstoffquelle


Große Chancen sieht Allianz Trade dagegen in den Bereichen Cloud-Infrastruktur und Cybersicherheit. Denn mit dem explosionsartigen Wachstum von Datenmengen steigt auch der Bedarf an Speicher-, Analyse- und Sicherheitslösungen. „Mehr Daten sind eine Goldgrube für die Cloud- und Cybersicherheitsbranche“, sagt Dejean. Daten würden zunehmend zum strategischen Vermögenswert: für Kundenanalysen, effizientere Prozesse und vor allem für KI-Anwendungen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Rechenzentren, robuster Infrastruktur und leistungsfähigen Analyseplattformen. Besonders profitieren könnten davon Anbieter, die Datenspeicherung, Sicherheit und Analytik in skalierbare Lösungen integrieren können. Gleichzeitig treiben strengere Datenschutzvorgaben Unternehmen dazu, ihre IT-Systeme weiter aufzurüsten.


Europas schwieriger Balanceakt


Für die europäische IT-Branche entsteht daraus allerdings ein strategischer Zielkonflikt. Einerseits wächst der politische Wunsch nach digitaler Souveränität und geringerer Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen. Andererseits dominieren genau diese Anbieter die entscheidenden Zukunftstechnologien.

Quelle: Allianz Trade

JM/NW

Die vollständige Branchestudie finden Sie hier