Klimaneutrale Prozesswärme als Schlüssel der Industrie
tesa und ENERGYNEST zeigen in Hamburg, wie Elektrifizierung und Wärmespeicher emissionsintensive Produktion transformieren können
Hamburg, 26. Januar 2026. Die Dekarbonisierung der Industrie gilt als eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Während Stromerzeugung und Mobilität bereits deutliche Fortschritte machen, bleibt insbesondere die industrielle Prozesswärme ein emissionsintensiver Engpass: Laut einer Analyse zu Energieeffizienz im Industriesektor des Bundeswirtschaftsministeriums werden rund zwei Drittel des Endenergieverbrauchs in Industrie, Handel und Dienstleistungen in Form von Wärm benötigt, wobei ein großer Teil davon in der Industrie anfällt und überwiegend fossil erzeugt wird. Lösungen, die klimaneutral, wirtschaftlich und skalierbar sind, gelten daher als zentraler Hebel für die Transformation energieintensiver Branchen.
Ein solches Modellprojekt realisieren derzeit der Klebebandhersteller tesa und der norwegische Wärmespeicherspezialist ENERGYNEST am tesa Werk Hamburg. Mit einer großskaligen Power-to-Heat-Anlage inklusive thermischem Speicher entsteht dort eine der größten industriellen Anlagen dieser Art in Deutschland – und eine Blaupause für klimaneutrale Prozesswärme.
Elektrifizierung ersetzt fossilen Dampf
Im Hamburger Werk produziert tesa Hochleistungs-Klebebänder für Anwendungen in der Elektronik-, Automobil-, Druck- und Papierindustrie. Die dafür notwendigen Trocknungsprozesse und die Rückgewinnung von Lösemitteln erfordern große Mengen an Prozessdampf, der bislang überwiegend mit fossilen Energieträgern erzeugt wurde.
Kern des neuen Energiekonzepts ist die Elektrifizierung dieser Dampferzeugung: Eine 10-Megawatt-Power-to-Heat-Anlage wandelt Strom aus erneuerbaren Energien in Hochtemperaturdampf um. Ergänzt wird sie durch einen thermischen Speicher mit 40 Megawattstunden Kapazität, der es erlaubt, Wärme zeitlich entkoppelt zu erzeugen und bedarfsgerecht bereitzustellen. Künftig sollen so rund zwei Drittel des jährlichen Dampfbedarfs am Standort klimaneutral gedeckt werden.
Die CO₂-Einsparung ist erheblich: Rund 4.600 Tonnen CO₂ pro Jahr – etwa 20 Prozent der standortbezogenen Emissionen gegenüber dem Referenzjahr 2018 – werden durch das Projekt vermieden.
Wärmespeicher als systemischer Enabler
Der von ENERGYNEST entwickelte Speicher besteht aus 24 Modulen, in denen Wärme in Betonröhren gespeichert und über Thermalöl transportiert wird. Die Anlage ist auf eine Betriebsdauer von mindestens 25 Jahren ausgelegt. Ihre Stärke liegt nicht nur in der Emissionsminderung, sondern auch in ihrer Systemintegration.
Der Speicher ermöglicht es, gezielt günstigen Überschussstrom aus erneuerbaren Quellen zu nutzen und den Strombezug flexibel an Marktpreise, Wetterlagen und Netzlast anzupassen. Eine KI-gestützte Steuerung verknüpft Power-to-Heat, Photovoltaik, Windstrom und weitere Effizienzmaßnahmen zu einem intelligenten Gesamtsystem. Damit wird die Anlage nicht nur klimafreundlich, sondern auch netzdienlich und wirtschaftlich betrieben.
„Dieses Projekt zeigt, dass klimaneutrale Industrieproduktion heute bereits realisierbar ist – technologisch, wirtschaftlich und skalierbar“, sagt Dr. Ingrid Sebald, Chief Technology Officer der tesa SE. „Mit der Elektrifizierung unserer Dampferzeugung setzen wir einen zentralen Baustein unserer Transformation um.“
Auch ENERGYNEST sieht in dem Projekt Signalwirkung: „Gemeinsam mit tesa realisieren wir eine der größten kommerziellen Power-to-Heat-Anlagen mit Wärmespeicher für Industrieprozesse in Deutschland. Das Projekt zeigt, wie Wärmespeicherung zum Enabler der Energiewende wird“, betont Alex Robertson, CEO von ENERGYNEST.
Übertragbar auf andere Industriebranchen
Das Energiekonzept ist bewusst modular und skalierbar ausgelegt. Insbesondere für energieintensive Branchen wie die chemische Industrie sowie die Papier- und Lebensmittelherstellung gilt es als übertragbar. tesa und ENERGYNEST prüfen bereits, das Modell auf weitere Produktionsstandorte auszuweiten.
Der Standort Hamburg entwickelt sich damit zu einem Leuchtturmprojekt für klimaneutrale Industrieproduktion – und zu einem praktischen Beleg dafür, dass Dekarbonisierung nicht erst mit neuen Technologien von morgen, sondern mit marktreifen Lösungen von heute gelingen kann.
Teil einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie
Die Power-to-Heat-Anlage ist eingebettet in die konzernweite Nachhaltigkeitsstrategie „we do“, mit der tesa bis 2030 eine klimaneutrale Produktion anstrebt. Weltweit investiert das Unternehmen rund 300 Millionen Euro in die nachhaltige Transformation. Bereits heute hat tesa seine CO₂-Emissionen in Scope 1 und 2 um 39 Prozent reduziert und deckt 90 Prozent seines globalen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien.
Das ganzheitliche Transformationskonzept für das Werk Hamburg basiert auf vier Säulen und wurde mit dem dena Energy Efficiency Award ausgezeichnet.
Der Spatenstich für die Anlage ist für Herbst 2026 geplant, die Inbetriebnahme für Sommer 2027.
Quelle: tesa
bearbeitet: JM/NW
