Klimaschutz auf dem Prüfstand
Rekorddefizite bei den Kommunen und hohe Kosten für die Wärmewende: Im Norden geraten ambitionierte Klimaziele unter finanziellen Druck. Rostock hat die Klimaneutralität von 2035 auf 2045 verschoben. Die Wohnungswirtschaft begrüßt den Kurswechsel – und warnt vor steigenden Mieten.
Hamburg, 10. August 2026. Klimaneutralität ist schnell beschlossen. Sie tatsächlich zu finanzieren, ist eine andere Frage. Deutschlands Kommunen haben 2025 ein Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro verbucht – das höchste seit der Wiedervereinigung. Die Ausgaben stiegen dabei um 5,6 Prozent, die Einnahmen nur um 4,1 Prozent. Gleichzeitig sollen Städte und Gemeinden ihre Energieversorgung umbauen, Gebäude sanieren und den CO₂-Ausstoß deutlich reduzieren. Die Frage nach dem richtigen Tempo wird damit immer dringlicher.
Rostock korrigiert das Klimaziel
Wie schwierig der Spagat ist, zeigt Rostock. Die Bürgerschaft hat im Dezember 2025 beschlossen, das ursprünglich für 2035 gesetzte Ziel der Klimaneutralität aufzugeben und sich künftig am bundesweiten Ziel 2045 zu orientieren. Der Beschluss fiel mit 24 zu 22 Stimmen.
Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) begrüßte die Entscheidung. Nach Angaben des Verbands kostet das Erreichen der Klimaneutralität Rostock insgesamt rund 1,4 Milliarden Euro. Allein für die Klimaneutralität der Wohngebäude seien Investitionen von rund 500 Millionen Euro notwendig. Diese Summe bis 2035 aufzubringen, sei nicht realistisch, argumentierte VNW-Direktor Andreas Breitner.
Rostock zeigt damit exemplarisch, worum es in der Debatte zunehmend geht: Wie schnell kann eine Stadt ihre Gebäude, Wärmeversorgung und Infrastruktur umbauen, ohne dass die Kosten Kommunen und Bürger überfordern?
Hamburg hält an 2040 fest
Andere Städte gehen einen anderen Weg. Hamburg hat sein Klimaneutralitätsziel 2025 sogar von 2045 auf 2040 vorgezogen. Grundlage dafür war der erfolgreiche Volksentscheid „Hamburger Zukunftsentscheid“. Auch Hamburgs Wohngebäude sollen bis dahin klimaneutral sein.
Die Stadt arbeitet bereits an der Umsetzung: Im März 2026 wurde der Entwurf der kommunalen Wärmeplanung vorgestellt. Er soll zeigen, welche klimaneutralen Wärmeversorgungen in den einzelnen Stadtgebieten künftig geeignet sind.
Auch Lübeck hält am Ziel 2035 fest. Die Bürgerschaft hatte dieses Ziel im November 2023 beschlossen. Gleichzeitig ist die kommunale Wärmeplanung auf 2040 ausgerichtet. Die Stadt begründet dies unter anderem mit der langen Dauer, die der Umbau von Infrastruktur und Heizsystemen benötigt, sowie mit der Abhängigkeit von Förderprogrammen und technischen Entwicklungen.
Rechnung landet auch bei den Mietern
Besonders schwierig ist die Situation im Gebäudebestand. Viele Wohnungsunternehmen verfügen über ältere Gebäude, deren energetische Sanierung, neue Heizsysteme und klimaneutrale Wärmeversorgung erhebliche Investitionen erfordern. Der VNW warnt deshalb davor, Klimaziele immer weiter vorzuziehen. Nach Angaben des Verbands müssten seine Mitgliedsunternehmen zusätzlich zu den ohnehin notwendigen Investitionen die Mieten um etwa ein bis zwei Euro je Quadratmeter erhöhen, wenn Klimaneutralität bereits 2035 oder 2040 erreicht werden müsste. „Die Zeche der ambitionierten Ziele zahlen am Ende die Mieterinnen und Mieter“, sagt VNW-Direktor Andreas Breitner. Die Zahl von ein bis zwei Euro ist dabei eine Berechnung des VNW und keine unabhängig ermittelte Prognose. Das sollte bei der Einordnung der Zahl deutlich werden.
Nicht weniger Klimaschutz, sondern realistischere Wege
Dass Klimaneutralität nicht zwangsläufig bedeutet, jedes Gebäude maximal energetisch zu sanieren, zeigt eine Machbarkeitsstudie zum klimaneutralen Wohnungsbau in Schleswig-Holstein. Nach den Ergebnissen kann bei einem großen Teil des Gebäudebestands eine klimaneutrale Wärmeversorgung auch ohne umfangreiche Sanierungen und eine massive Steigerung der Energieeffizienz erreicht werden.
Damit verschiebt sich die Debatte: Es geht weniger um die Frage, ob Klimaneutralität erreicht werden soll, sondern darum, wie schnell und zu welchen Kosten.
Der VNW will den Klimaschutz nach eigener Darstellung keineswegs zurückdrehen. Die mehr als 300 Mitgliedsunternehmen hätten in den vergangenen zehn Jahren mehr als fünf Milliarden Euro in die energetische Sanierung ihrer Bestände investiert. „Ein Ziel anzustreben, das nicht erreicht werden kann, war und ist strategisch nicht sinnvoll“, sagt Breitner. Der Klimaschutz konkurriert damit zunehmend mit anderen kommunalen Aufgaben – von Schulen und Straßen über sozialen Wohnungsbau bis hin zu Sozialausgaben. Das Problem ist nicht allein der politische Wille. Es ist die Frage, wie viel Transformation sich Städte, Unternehmen und Bürger leisten können.
Ein Klimaziel ist schnell beschlossen. Die Rechnung kommt später.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis); Freie und Hansestadt Hamburg; Hansestadt Lübeck; Hanse- und Universitätsstadt Rostock; Land Schleswig-Holstein; Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW).
JM/NW
