Norddeutsche Wirtschaft im Dauerstress: Kosten, Krisen und Unsicherheit bremsen Konjunktur
Unternehmen in Industrie, Handel und Handwerk sehen sich mit schwacher Nachfrage, hohen Kosten und geopolitischen Risiken konfrontiert
Hamburg/Kiel, 21. April 2026. Die Konjunktur im Norden Deutschlands kommt auch im Frühjahr 2026 nicht in Schwung. Neue Umfragen aus Industrie, Handel und Handwerk zeichnen ein einheitliches Bild: steigende Kosten, wachsende Unsicherheit und eine insgesamt gedämpfte wirtschaftliche Entwicklung. Von einer Erholung ist die Region derzeit weit entfernt.
Besonders deutlich zeigt sich die Eintrübung in Schleswig-Holstein. Der Konjunkturklimaindex der IHK-Nord ist dort zum Jahresbeginn deutlich gefallen und liegt inzwischen klar unter dem langjährigen Durchschnitt. Nur noch rund jedes fünfte Unternehmen bewertet seine Geschäftslage als gut, während die Skepsis mit Blick auf die kommenden Monate zunimmt. „Gerade auch die derzeitigen geopolitischen Entwicklungen ergeben in vielen Branchen für die Unternehmerinnen und Unternehmer unkalkulierbare Risiken“, sagt IHK-Präsident Thomas Buhck.
Parallel dazu gerät auch das Hamburger Handwerk zunehmend unter Druck. In Hamburg ist die sonst übliche Frühjahrsbelebung ausgeblieben – ein ungewöhnliches Signal. Der Anteil der Betriebe mit guter Geschäftslage ist deutlich gesunken, während Umsätze und Auftragsbestände rückläufig sind. Viele Unternehmen reagieren mit Preisanpassungen, um die anhaltend hohen Kosten zumindest teilweise aufzufangen.
Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, beschreibt die Lage deutlich: „Das Geschäftsklima im Hamburger Handwerk ist derzeit deutlich eingetrübt. Quer durch die Gewerke belasten ausbleibende Wachstumsimpulse aus der Politik, die Fernwirkungen internationaler Krisen und insbesondere die stark gestiegenen Energie- und Kraftstoffpreise die unternehmerischen Perspektiven.“
Ein ähnliches Bild zeigt der aktuelle Wirtschaftstest des AGA Unternehmensverbands für den norddeutschen Groß- und Außenhandel sowie unternehmensnahe Dienstleistungen. Auch hier dominieren steigende Kosten die Lage. Mehr als 80 Prozent der Unternehmen berichten von Belastungen durch höhere Gesamtkosten, während die Umsätze im ersten Quartal real um durchschnittlich 3,7 Prozent zurückgingen.
AGA-Präsident Hans Fabian Kruse spricht von einer angespannten Situation ohne echte Dynamik: „Unsere Konjunkturumfrage zeigt eine Wirtschaft im Wartestand: Von Aufbruch kann keine Rede sein, dafür sind die Umsätze und vor allem die Erträge weiterhin zu stark durch Kostensteigerungen belastet.“ Viele Unternehmen stabilisierten sich zwar, hätten aber kaum noch finanziellen Spielraum.
Tatsächlich bewerten nur noch zehn Prozent der Betriebe ihre Gewinnlage als gut, während ein Viertel von einer schlechten Ertragssituation berichtet. Für die kommenden Monate erwarten die meisten Unternehmen keine Verbesserung, sondern bestenfalls Stabilität – bei gleichzeitig weiter steigenden Kosten.
Die Ursachen sind vielfältig, greifen aber ineinander. Hohe Energie- und Rohstoffpreise, steigende Arbeitskosten und eine schwache Nachfrage setzen die Unternehmen unter Druck. Hinzu kommen geopolitische Risiken – vom Krieg in der Ukraine bis zu Spannungen im Nahen Osten –, die Lieferketten belasten und die Preisentwicklung zusätzlich antreiben.
Auch strukturelle Probleme bleiben bestehen. Zwar hat sich der Fachkräftemangel kurzfristig etwas entspannt, doch suchen weiterhin viele Unternehmen Personal – oft mit langen Besetzungszeiten. Gleichzeitig wird bei Investitionen zurückhaltend agiert, was die wirtschaftliche Dynamik weiter dämpft.
Regional zeigen sich ähnliche Trends: In Hamburg und Schleswig-Holstein sind die Umsätze zuletzt besonders deutlich gesunken, aber auch in Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern bleibt die Entwicklung schwach.
Trotz allem halten viele Betriebe an ihren Beschäftigten fest – ein Zeichen für die langfristige Perspektive, aber auch für die Vorsicht in unsicheren Zeiten.
Aus Sicht der Wirtschaft ist die politische Forderung klar: mehr Verlässlichkeit und weniger zusätzliche Belastungen. „Wer jetzt über weitere Belastungen spricht, muss sich bewusst sein, wie dünn das Fundament aktuell ist“, warnt Kruse. Auch IHK-Präsident Buhck fordert spürbare Entlastungen und stabile Rahmenbedingungen.
Der Befund über alle Branchen hinweg ist eindeutig: Die norddeutsche Wirtschaft befindet sich in einer Phase der Stagnation. Zwischen globalen Krisen, hohen Kosten und fehlenden Impulsen fehlt derzeit der Spielraum für einen nachhaltigen Aufschwung.
JM/NW
