Mehr Gründer, weniger wirtschaftliches Gewicht
Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland steigt so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Doch vor allem Kleinerwerbsgründungen treiben die Entwicklung. Bei größeren Unternehmen und in der forschungsintensiven Industrie zeigt sich dagegen eine anhaltende Schwäche.
Hamburg, 26. Oktober 2026. Deutschland verzeichnet wieder mehr Unternehmensgründungen. 2025 wurden bundesweit rund 183.000 Unternehmen neu gegründet – 7,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist der stärkste Anstieg seit zehn Jahren. Doch der Zuwachs ist nur bedingt ein Zeichen für eine wirtschaftliche Erholung: Vor allem Kleinerwerbsgründungen legten zu, während die Zahl größerer Gründungsvorhaben zurückging. Das geht aus Berechnungen des ZEW Mannheim und der Creditreform Wirtschaftsforschung hervor.
Hinter der Entwicklung steht nach Einschätzung von Creditreform auch die angespannte Wirtschaftslage. Wenn Unternehmen Stellen abbauen und der Arbeitsmarkt weniger Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, suchen Menschen häufiger den Weg in die Selbstständigkeit. Viele starten zunächst allein und im Nebenerwerb.„Im Zuge der Wirtschaftskrise suchen viele ihr Heil in der Selbstständigkeit, oft als Solo-Unternehmer und zunächst im Nebenerwerb“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Sprecher des Verbandes der Vereine Creditreform. In länger anhaltenden Krisen entstünden vermehrt solche Notgründungen, wenn Arbeitsplätze wegfielen und die Wirtschaft weniger neue Stellen schaffe.
Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Gründungen ist allerdings häufig begrenzt. „Diese Kleinerwerbsgründungen erreichen jedoch meist keine nennenswerte wirtschaftliche Bedeutung und werden häufig nach kurzer Zeit wieder aufgegeben“, sagt Hantzsch. Besonders deutlich sei der Anstieg in Branchen zu beobachten, die in den vergangenen Jahren unter Krisen und strukturellem Wandel gelitten und Personal abgebaut hätten. Dazu zählten der Handel, das Gastgewerbe und die persönlichen Dienstleistungen.
Weniger größere Gründungen
Während die Zahl der Gründungen insgesamt steigt, entwickelt sich das Segment der wirtschaftlich bedeutenderen Unternehmen in die entgegengesetzte Richtung. Die Zahl größerer Gründungen, etwa von Kapitalgesellschaften oder Unternehmen mit Beschäftigten, die ins Handelsregister eingetragen werden, sank 2025 um drei Prozent. Nahezu alle Wirtschaftsbereiche verzeichneten in diesem Segment weniger Neugründungen. Besonders deutlich fiel der Rückgang im Baugewerbe und im Handel mit jeweils neun Prozent sowie im sonstigen Verarbeitenden Gewerbe mit elf Prozent aus. Die Zahlen deuten damit auf eine Schwäche bei Gründungen hin, die neue Beschäftigung schaffen und bestehende Wirtschaftsstrukturen erweitern könnten.
KI sorgt für Impulse
Eine Ausnahme bilden technologieorientierte Dienstleistungen. In diesem Bereich stieg die Zahl der Gründungen 2025 um zwölf Prozent auf insgesamt 10.500 Unternehmen. Insbesondere Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz (KI) sorgen für zusätzliche Dynamik.
„Der Boom bei Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz (KI) beflügelt das Gründungsgeschehen im Bereich der Informations-, Kommunikations- und Netzwerktechnologien. Die Dynamik in diesem Markt ist derzeit sehr hoch und wirkt sich positiv auf die Gründungszahlen aus“, sagt ZEW-Forscherin Dr. Sandra Gottschalk. Auch bei Software, Games und IKT-Dienstleistungen nahmen die Gründungszahlen zu.
Für Creditreform reicht diese Entwicklung allerdings nicht aus, um die Schwächen in anderen Bereichen auszugleichen. „Neue digitale Technologien allein können die Schwächen in anderen Wirtschaftsbereichen jedoch nicht ausgleichen“, warnt Hantzsch.
Besonders kritisch bewertet er die Entwicklung in der forschungsintensiven Industrie. Dort geht die Zahl der Gründungen seit Jahren deutlich zurück. 2025 wurden in diesem Bereich nur noch rund 600 Unternehmen gegründet – halb so viele wie 2009. Forschung und Entwicklung seien jedoch wesentliche Voraussetzungen, um Innovationen hervorzubringen und beispielsweise neue Patente zu entwickeln.
Hantzsch sieht darin ein Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Strukturelle Schwächen, hohe Kosten und übermäßige Bürokratie erschwerten die Gründung neuer Unternehmen. „Ohne Innovationen durch Neugründungen verliert die deutsche Industrie langfristig weiter an Substanz“, warnt er.
Gesundheitssektor auf Rekordniveau
Eine weitere positive Entwicklung zeigt sich im Gesundheitssektor. Mit 12.500 Neugründungen erreichte die Branche 2025 den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Treiber ist unter anderem die demografische Entwicklung. „In einer alternden Gesellschaft steigt die Nachfrage nach Gesundheits- und Pflegeleistungen sowie nach medizinischen Produkten und Therapien“, sagt ZEW-Expertin Gottschalk. Zugleich seien Gründungen in diesem Bereich stark von der finanziellen Situation der Kranken- und Pflegekassen sowie der öffentlichen Hand abhängig.
Die Gründungszahlen zeichnen damit ein widersprüchliches Bild: Zwar wagen wieder mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Der Zuwachs konzentriert sich jedoch vor allem auf kleinere Vorhaben. Bei größeren Unternehmensgründungen und in der forschungsintensiven Industrie bleibt die Entwicklung schwach. Ob aus der gestiegenen Gründungsbereitschaft neue wirtschaftliche Dynamik entsteht, hängt daher nicht allein von der Zahl der Gründungen ab, sondern auch davon, wie viele Unternehmen wachsen, Arbeitsplätze schaffen und mit Innovationen langfristig wettbewerbsfähig bleiben.
Quelle: Creditreform
JM/NW


