Neue EU-Strategie für maritime Industrie und Häfen
Verbände sehen wichtige Impulse – fordern aber mehr Ambition für Europas maritime Souveränität
Hamburg, 5. März 2026. Die Europäische Kommission hat erstmals seit rund zehn Jahren eine Europäische Maritime Industriestrategie vorgelegt. Sie soll dem stark veränderten maritimen Sektor neue industriepolitische Leitplanken geben – von Schiffbau und Meerestechnik bis zu Häfen und maritimer Infrastruktur. Branchenvertreter begrüßen den Vorstoß grundsätzlich, sehen jedoch erheblichen Nachbesserungsbedarf, um Europas Wettbewerbsfähigkeit und strategische Unabhängigkeit zu sichern.
Aus Sicht der IHK Nord steht vor allem der dramatische Rückgang des europäischen Anteils am globalen Schiffbau im Fokus: Lag er in den 1980er Jahren noch bei rund 45 Prozent, sind es heute weniger als fünf Prozent. Der Vorsitzende der IHK Nord, André Grobien, betont daher: „Wie auch der vielbeachtete Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU hervorhebt, besitzt die maritime Industrie eine hohe strategische Bedeutung für Europas wirtschaftliche und technologische Souveränität. Maritime Souveränität lässt sich nicht importieren. Europäische Schiffbau- und Zulieferkapazitäten müssen gestärkt und strategische Abhängigkeiten reduziert werden.“ Grobien verweist zudem auf die hohe Abhängigkeit von importierten Rohstoffen und Vorprodukten. „Wir müssen dringend verhindern, dass geopolitische Spannungen, Preisvolatilitäten und Lieferkettenstörungen auf den Schultern der maritimen Industrie ausgetragen werden“, so Grobien. Gleichzeitig gelte es, Europas technologische Stärken etwa im Marineschiffbau, bei Forschungs- und Spezialschiffen oder in der Meerestechnik durch gezielte Förderprogramme zu sichern.
Auch die Hafenwirtschaft sieht in den Brüsseler Plänen zwar positive Ansätze, fordert jedoch deutlich mehr Ambition. „Die Strategie sendet richtige Signale bei Resilienz, Sicherheit und Innovation. Doch sie bleibt defensiv. Es fehlt der klare Wille, Europas Häfen als Wachstumsmotor zu stärken“, sagt Sebastian Jürgens, Präsident des Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS). Häfen würden bislang zu sehr als Regulierungsobjekt betrachtet und zu wenig als Fundament eines wettbewerbsfähigen Europas.
Nach Ansicht des ZDS müssten Finanzierung, Infrastruktur und Qualifizierung stärker berücksichtigt werden. „Seehäfen sind strategische Infrastruktur für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und europäische Souveränität. Dieses Gewicht muss sich endlich auch in Finanzierung, Regulierung und Förderlogik widerspiegeln“, so Jürgens. Zudem brauche es ein modernes Beihilfeinstrument für Seehäfen, da die bisherige Regelung nicht mehr ausreiche.
JM/NW
