Norddeutsche Industrie verharrt in der Krise – regionale Unterschiede prägen das Bild

Frühjahrs-Konjunkturumfrage der Metall- und Elektroindustrie zeigt anhaltenden Druck auf Unternehmen. Während Hamburg vergleichsweise optimistisch bleibt und Schleswig-Holstein stabile Beschäftigungsaussichten meldet, leidet das nordwestliche Niedersachsen besonders stark unter Auftragsmangel und schwacher Geschäftslage.

Die Krise der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie geht in ihr viertes Jahr. Nach der aktuellen Frühjahrs-Konjunkturumfrage von NORDMETALL, AGV NORD sowie den Arbeitgeberverbänden in Bremen, Oldenburg und Ostfriesland bleibt eine nachhaltige Erholung der Branche aus. An der Befragung beteiligten sich bis Ende April 152 Mitgliedsunternehmen mit rund 106.400 Beschäftigten.


Auslastung auf Krisenniveau, Auftragsmangel bleibt gravierend


Die Kapazitätsauslastung der Betriebe ist auf 81,4 Prozent gesunken – ein Wert, der seit der Finanzkrise 2009/2010 und der Corona-Pandemie nur selten unterschritten wurde. Gleichzeitig geben 41 Prozent der Unternehmen an, Kostensteigerungen nicht mehr durch höhere Preise ausgleichen zu können. Fast jeder dritte Betrieb bewertet seine aktuelle Geschäftslage als unbefriedigend oder schlecht.


Besonders problematisch bleibt die Auftragslage. 36 Prozent der Unternehmen leiden unter Auftragsmangel. Am stärksten betroffen ist das nordwestliche Niedersachsen, wo nahezu jedes zweite Unternehmen (48 Prozent) fehlende Aufträge beklagt. Vergleichsweise robust zeigen sich dagegen Bremen mit 17 Prozent und Mecklenburg-Vorpommern mit 32 Prozent. Auch zwischen den Branchen bestehen erhebliche Unterschiede: Während Metallerzeuger, Gießereien sowie Teile der Elektrotechnik unter schwacher Nachfrage leiden, berichten Luft- und Raumfahrtunternehmen sowie Werften weiterhin von einer vergleichsweise guten Auslastung.

Hamburg blickt am optimistischsten nach vorn


Für die kommenden sechs Monate erwarten lediglich 17 Prozent der norddeutschen Unternehmen eine Verbesserung ihrer Geschäftslage. Zwei Drittel rechnen dagegen mit Umsatzrückgängen oder bestenfalls einer schwarzen Null. Die größten Hoffnungen auf steigende Erlöse haben die Hamburger Betriebe: 47 Prozent erwarten höhere Umsätze. Auch Schleswig-Holstein zeigt sich mit 40 Prozent vergleichsweise optimistisch. Deutlich skeptischer sind die Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen, wo nur 16 beziehungsweise 17 Prozent mit steigenden Erlösen rechnen.


Arbeitsmarkt bleibt erstaunlich stabil


Trotz der schwierigen Lage bleibt der Arbeitsmarkt in Teilen der Branche stabil. Während 21 Prozent der Unternehmen Personal abbauen wollen, planen 28 Prozent Neueinstellungen. Unter dem Strich ergibt sich für die norddeutsche Metall- und Elektroindustrie ein zusätzlicher Bedarf von rund 1.800 Beschäftigten. Besonders groß ist der Einstellungsbedarf in Mecklenburg-Vorpommern, wo 44 Prozent der Unternehmen Personal aufbauen wollen. Schleswig-Holstein weist mit lediglich 13 Prozent den geringsten geplanten Stellenabbau auf.


Auch der Fachkräftemangel bleibt ein Thema, wenn auch weniger ausgeprägt als noch im Herbst. 41 Prozent der Unternehmen bewerten die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte als unzureichend. Bei Auszubildenden fällt das Bild etwas positiver aus: In Mecklenburg-Vorpommern sehen 77 Prozent der Betriebe eine ausreichende Bewerberlage, während dieser Wert im nordwestlichen Niedersachsen lediglich 51 Prozent beträgt.


Standort Deutschland verliert weiter an Attraktivität


Sorgen bereiten den Unternehmen weiterhin die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. 57 Prozent sehen die Attraktivität des Standorts Deutschland innerhalb der vergangenen sechs Monate weiter gesunken. Jeder vierte Betrieb plant inzwischen Produktionsverlagerungen ins Ausland – ein Höchstwert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2008. Neben hohen Arbeitskosten nennen die Unternehmen vor allem Energiekosten, Bürokratie sowie internationale Unsicherheiten als größte Belastungen. Vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts rechnen 87 Prozent der Betriebe mit weiter steigenden Energiekosten.


Norddeutsche Arbeitgeber fordern Strukturreformen


Die Vertreter der norddeutschen Arbeitgeberverbände sehen deshalb dringenden politischen Handlungsbedarf. NORDMETALL-Vizepräsidentin Sonja Neubert warnt für Hamburg: „Ohne Reformen ist die Zukunft der Industrie in Hamburg nicht gesichert.“ Zwar schlage die Krise in der Hansestadt weniger stark durch als in anderen Regionen, doch auch hier stelle sich zunehmend die Standortfrage.


Ähnlich äußert sich Schleswig-Holsteins NORDMETALL-Vizepräsident Robert Focke. Trotz vergleichsweise positiver Umsatz- und Beschäftigungserwartungen seien niedrigere Energiepreise, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Arbeitskosten notwendig, um Investitionen und Arbeitsplätze dauerhaft im Land zu halten.


In Mecklenburg-Vorpommern verweist NORDMETALL-Vizepräsident Robert Dreves auf die vergleichsweise stabile Lage vieler Unternehmen und den hohen Personalbedarf. Dennoch gelte auch dort: „Ohne Reformen keine gute Zukunft für die Industrie in Mecklenburg-Vorpommern.“


Besonders alarmierend fällt die Bewertung im nordwestlichen Niedersachsen aus. NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena spricht von einer Region, in der die Krise derzeit am deutlichsten sichtbar werde. Hoher Auftragsmangel, die schlechteste Geschäftslage aller norddeutschen Teilregionen und die größten Personalabbaupläne seien klare Warnsignale. „Ohne Reformen kein Ende der Krise im nordwestlichen Niedersachsen“, mahnt Ukena.


Auch in Bremen bleibt die Lage angespannt, wenngleich die Unternehmen die aktuelle Situation deutlich weniger kritisch einschätzen als in anderen Regionen. NORDMETALL-Vizepräsidentin Lena Ströbele verweist dennoch auf die anhaltend hohen Kostenbelastungen und die weiterhin hohe Zahl geplanter Produktionsverlagerungen ins Ausland. Die Bundesregierung müsse jetzt Strukturreformen umsetzen, um Investitionen und industrielle Wertschöpfung am Standort Deutschland zu sichern.


Keine Trendwende in Sicht


Insgesamt zeigt die Umfrage ein differenziertes Bild: Während einzelne Regionen und Branchen noch von stabilen Auftragsbeständen profitieren, bleibt die Grundstimmung in der norddeutschen Industrie von Unsicherheit geprägt. Die Unternehmen fordern vor allem niedrigere Energie- und Arbeitskosten, weniger Bürokratie sowie verlässliche politische Rahmenbedingungen, um eine weitere Verlagerung von Produktion und Investitionen ins Ausland zu verhindern.


Hier finden Sie die Ergebnisdaten und Präsentationsfolien der Frühjahrs-Konjunkturumfrage.



Quelle: NORDMETALL

JM/NW