Ein Stück Italien – vom Barmbeker Bahnhof in den Quirinalspalast
Vincenzo Andronaco erhält Italiens hohe Auszeichnung „Cavaliere del Lavoro“. Was 1983 mit einem kleinen Obst- und Gemüsestand in Hamburg begann, ist heute ein deutsch-italienisches Familienunternehmen – und für viele Hamburger ein Stück Dolce Vita im Alltag
Hamburg/Rom, 22. Oktober 2026. Wer bei Andronaco einkauft, sollte besser etwas Zeit mitbringen. Es gibt schließlich mehr zu entdecken als die Zutaten für das Abendessen: italienischen Käse, duftende Salami, Olivenöl, Pasta in allen erdenklichen Formen und Weine, bei denen man sich spontan an den letzten Urlaub erinnert. Und wer nach dem Einkauf noch im Bistro einkehrt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur ums Essen. Es geht auch um ein Lebensgefühl. Ein bisschen Dolce Vita mitten im norddeutschen Alltag.
Dass ausgerechnet Hamburg einmal zu einer Hochburg italienischer Genusskultur werden würde, war keineswegs ausgemacht. Einer, der daran einen gehörigen Anteil hat, ist Vincenzo Andronaco. Seit mehr als vier Jahrzehnten bringt der gebürtige Sizilianer ein Stück seiner Heimat in den Norden. Nun ist sein Lebenswerk auch in Italien gewürdigt worden: Staatspräsident Sergio Mattarella verlieh ihm am 21. Oktober im Quirinalspalast in Rom die Auszeichnung „Cavaliere del Lavoro“ – Ritter der Arbeit. Die Ehrung gehört zu den bedeutenden Auszeichnungen für unternehmerische Leistungen in Italien. Andronaco wurde 2026 als einer von 25 Unternehmern ausgezeichnet. Er gehört damit zu einem kleinen Kreis von Persönlichkeiten, deren unternehmerisches Wirken auch über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung findet.
Vom kalten Norden und einem großen Traum
Die Geschichte beginnt weit entfernt von den eleganten Sälen Roms. 1970 kommt Vincenzo Andronaco als gerade einmal 18-Jähriger aus dem kleinen sizilianischen Ort Alì nach Hamburg. Die Stadt empfängt ihn nicht unbedingt mit mediterraner Milde. Statt Sonne, Meer und Zitronenhainen warten Kälte, eine fremde Sprache und harte Arbeit. Zunächst verdient er sein Geld auf dem Bau. Doch der junge Mann hat andere Pläne, als sein Leben lang für andere zu arbeiten. Er will etwas Eigenes aufbauen.
1983 bietet sich die Gelegenheit. Von seinem Ersparten kauft Andronaco einen kleinen Obst- und Gemüsestand am Barmbeker Bahnhof. Die Verkaufsfläche ist winzig, die Idee dahinter umso größer: Er will den Hamburgern zeigen, was Italien kulinarisch zu bieten hat. Neben dem vertrauten Obst finden sich bald auch Gemüse, das damals längst nicht überall selbstverständlich ist – Auberginen, Mangold und grüner Spargel gehören zu den Spezialitäten, mit denen er seine Kunden neugierig macht.
Es ist die Zeit, in der italienische Küche in Deutschland vielerorts noch vor allem mit Pizza und Spaghetti verbunden wird. Andronaco weiß, dass seine Heimat deutlich mehr zu bieten hat. Und er versteht, dass gute Lebensmittel nicht allein von ihrer Herkunft leben, sondern auch von den Menschen, die sie mit Überzeugung auswählen und anbieten.
Aus dem kleinen Stand wird ein Geschäft. 1987 kommt ein Platz auf dem Hamburger Großmarkt hinzu, Andronaco beliefert zunehmend Restaurants und Gastronomen. Er reist nach Italien, sucht Produzenten, probiert, vergleicht und baut persönliche Beziehungen auf. Nicht irgendeine Ware soll nach Hamburg kommen, sondern die richtige. Gute Produkte, davon ist er überzeugt, sprechen für sich.
Aus vier Quadratmetern wird eine Genusswelt
Der nächste große Schritt folgt im Jahr 2000: In Hamburg-Billbrook eröffnet Andronaco seinen ersten Grande Mercato. Aus dem kleinen Händler ist ein Unternehmer geworden, der italienische Lebensmittel in ganz neuen Dimensionen anbietet. Die Geschichte dazu passt wunderbar zu seinem Temperament: Für die Eröffnung waren 40 Paletten Ware vorgesehen. In der riesigen Halle sahen sie zunächst so verloren aus, dass Andronaco nach eigener Erzählung glaubte, es müsse etwas abhandengekommen sein.
Heute dürfte ihm ein solcher Anblick kaum noch passieren. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben mit rund 300 italienischen Produzenten zusammen und erzielt ein jährliches Einkaufsvolumen von rund 50 Millionen Euro. Neun Standorte, rund 400 Beschäftigte und ein Sortiment, das weit über Obst und Gemüse hinausgeht, stehen für die Entwicklung vom Ein-Mann-Betrieb zum etablierten Familienunternehmen.
Ein Unternehmer, zwei Heimaten
Hinter der Erfolgsgeschichte steckt allerdings mehr als die Liebe zu gutem Essen. Andronaco hat über Jahrzehnte wirtschaftliche Verbindungen zwischen Italien und Deutschland aufgebaut. Für italienische Produzenten eröffnete er Zugänge zum deutschen Markt; in Deutschland schuf er Arbeitsplätze und entwickelte ein Unternehmen, das heute in der zweiten Generation weiterwächst. Auch sein Sohn Florian ist unternehmerisch aktiv und führt den 2004 gegründeten Gastronomie-Service.
Dass ausgerechnet Italien dieses Lebenswerk nun würdigt, verleiht der Auszeichnung eine besondere Note. Andronaco ist erst der zweite Unternehmer, der für sein unternehmerisches Wirken in Deutschland zum „Cavaliere del Lavoro“ ernannt wurde. Vor ihm erhielt Michele Puller diese Ehrung im Jahr 2004.
Für Andronaco selbst ist der Moment vor allem Anlass zur Dankbarkeit. „Als ich vor mehr als 50 Jahren mit fünf Mark in der Tasche nach Deutschland kam, hätte ich mir niemals träumen lassen, eines Tages vom italienischen Staatspräsidenten ausgezeichnet zu werden“, sagt er. Die Ehrung gehöre auch all jenen, die ihn über die Jahre begleitet und unterstützt hätten – seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Wegbegleitern.
„Hamburg ist längst meine zweite Heimat geworden, aber Italien wird immer ein Teil von mir bleiben“, sagt Andronaco. Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis seiner Geschichte: Er hat nie versucht, aus Hamburg Italien zu machen. Er hat vielmehr beides miteinander verbunden. Den hanseatischen Alltag mit der italienischen Freude am guten Essen. Die Verlässlichkeit eines gewachsenen Unternehmens mit der Leidenschaft für Produkte, deren Herkunft und Qualität zählen. Und die nüchterne Welt des Handels mit der Vorstellung, dass Genuss eben nicht erst im Urlaub beginnt.
Nun also der Quirinalspalast statt Barmbeker Bahnhof. Ein weiter Weg für einen Mann, der einst mit wenig Geld und großen Plänen nach Hamburg kam. Für viele Hamburger aber bleibt Vincenzo Andronaco vor allem derjenige, bei dem man sich ein Stück Italien nach Hause holen kann. Und wenn es beim nächsten Besuch wieder etwas voller ist, gilt vielleicht mehr denn je: Ein bisschen Geduld gehört zum Dolce Vita.
Quelle: ANDRONACO
JM/NW
