Gründungsboom in Deutschland – und Hamburg droht den Anschluss zu verlieren
Rekordzahlen bundesweit, schwache Dynamik im Norden – und scharfe Kritik der Hamburger CDU am Kurs des Senats
Hamburg, 12. Januar 2026. Deutschland erlebt ein historisches Gründerhoch – doch ausgerechnet Hamburg kann davon kaum profitieren. Während bundesweit so viele Startups gegründet wurden wie nie zuvor, bleibt die Hansestadt hinter der Dynamik anderer Metropolen zurück. Die Hamburger CDU spricht von verpassten Chancen und warnt vor einem schleichenden Bedeutungsverlust des Innovationsstandorts.
Mit 3.568 Startup-Neugründungen war 2025 ein Rekordjahr für Deutschland. Das entspricht einem Plus von 29 Prozent gegenüber 2024 und übertrifft sogar das bisherige Rekordjahr 2021. Das geht aus dem aktuellen Report „Next Generation – Startup-Neugründungen in Deutschland“ hervor, den der Startup-Verband gemeinsam mit startupdetector veröffentlicht hat.
„Über 3.500 Gründungen in einem Jahr zeigen den Mut und die Dynamik des deutschen Unternehmertums“, sagt Dr. Kati Ernst, stellvertretende Vorsitzende des Startup-Verbands. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten seien Startups ein entscheidender Wachstumstreiber. „Jetzt kommt es darauf an, dass Politik und Wirtschaft konsequent auf Innovation und Skalierung setzen.“
Breiter Aufschwung – aber nicht in Hamburg
Die positive Entwicklung zeigt sich in nahezu allen Bundesländern. Besonders stark wachsen Bayern (+46 Prozent), Nordrhein-Westfalen (+33 Prozent) und Sachsen (+56 Prozent). München führt das Pro-Kopf-Ranking der Gründungen klar an, Berlin folgt auf Platz zwei. Auch Städte wie Düsseldorf sowie forschungsnahe Standorte wie Aachen, Potsdam oder Heidelberg entwickeln sich dynamisch.
Hamburg fällt aus diesem Bild zunehmend heraus. Mit Ausnahme der Hansestadt bleibt die Gründungsdynamik in Norddeutschland insgesamt deutlich hinter dem Bundestrend zurück. Besonders alarmierend: Unter den deutschen Städten mit mehr als einer Million Einwohnern ist Hamburg inzwischen die einzige, die nicht mehr unter den Top-10 der Gründungsstädte pro Kopf vertreten ist.
KI und Software treiben den Boom
Bundesweit ist der Software-Sektor der wichtigste Wachstumstreiber. Die Zahl der Neugründungen stieg hier von 618 auf 853. Gleichzeitig gewinnen technologiegetriebene Geschäftsmodelle weiter an Bedeutung: 27 Prozent aller neuen Startups setzen Künstliche Intelligenz als zentralen Bestandteil ihres Geschäftsmodells ein. Auch der Food-Sektor (+80 Prozent) sowie der medizinische Bereich (+46 Prozent) legen deutlich zu – etwa durch KI-gestützte Diagnostik oder automatisierte Prozesse im Gesundheitswesen.
„Künstliche Intelligenz ist längst kein Nischenthema mehr, sondern prägt die Gründungsdynamik in vielen Branchen“, sagt Arnas Bräutigam, Co-Founder von startupdetector. Besonders erfolgreich seien Regionen, in denen Wissenschaft, Technologie und Unternehmensgründungen eng verzahnt sind.
CDU warnt vor Bedeutungsverlust des Standorts
Aus Sicht der Hamburger CDU ist genau diese Verzahnung in der Hansestadt bislang unzureichend. Julian Herrmann, Sprecher für Start-ups und Innovation, übt deutliche Kritik am Senat: „Hamburg darf nicht zur Hauptstadt der verpassten Chancen werden. Bundesweit ist der Gründergeist da, andere Städte entwickeln sich dynamischer und ziehen an Hamburg vorbei.“ Der Senat verwalte zu viel und gestalte zu wenig, so Herrmann weiter. „Wir werden nicht zuschauen, wie Hamburg aus der Spitzengruppe herausfällt und als Startup-Standort in die Bedeutungslosigkeit abrutscht.“ Besonders der Blick auf andere Metropolen sei ernüchternd: „München ist auf Platz eins, Berlin auf Platz zwei, Köln auf Platz acht – Hamburg kommt nicht mehr vor. Das ist ein Armutszeugnis für eine Metropole unserer Größe.“
Potenzial vorhanden – Umsetzung bleibt aus
Dabei seien die strukturellen Voraussetzungen in Hamburg eigentlich hervorragend. Mit über 121.000 Studierenden im Wintersemester 2024/25, starken Hochschulen und renommierten Forschungseinrichtungen verfüge die Stadt über eine enorme Talentbasis. „Wer diese Potenziale nicht in mehr Ausgründungen, mehr Wachstum und mehr Unternehmensansiedlungen übersetzt, riskiert den Wohlstand von morgen“, warnt Herrmann.
Als Konsequenz bringt die CDU in der kommenden Bürgerschaftssitzung einen Antrag zur Stärkung des Startup-Standorts ein. Kernstück ist die geplante Einrichtung eines hochschulübergreifenden „Hamburg Institute for Venture & Entrepreneurship“ (HIVE). Mit neuen Lehrstühlen, Promotionsprogrammen und einem Honors-Programm soll Entrepreneurship systematisch an Hamburgs Hochschulen verankert und der Transfer von Forschung in marktfähige Unternehmen deutlich beschleunigt werden.
Ob Hamburg damit wieder Anschluss an die bundesweite Gründerentwicklung findet, bleibt offen. Fest steht jedoch: Während Deutschland insgesamt ein Rekordjahr erlebt, wächst der Handlungsdruck auf den Hamburger Senat spürbar.
Quelle: Next Generation Startup
JM/NW
