Ausbildung darf nicht zum Kraftakt werden

M+E-Industrie im Norden hält Ausbildungsangebot hoch – doch Unternehmen stoßen bei der Nachwuchsgewinnung zunehmend an Grenzen

Hamburg, 31. Juli 2026. Die norddeutsche Metall- und Elektroindustrie hält trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen an ihrem hohen Ausbildungsengagement fest. Voraussichtlich werden die Unternehmen in diesem Jahr rund neun von zehn ihrer Ausbildungsplätze besetzen können. Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht. Doch hinter dem vergleichsweise hohen Besetzungserfolg steckt ein wachsender Aufwand: Die Betriebe müssen zunehmend selbst auffangen, was bei schulischen Grundlagen, Berufsorientierung und beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt fehlt.

„Unternehmen leisten bereits enorm viel, um jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Aber sie können nicht dauerhaft auffangen, was in Schule und an Berufsorientierung versäumt wird“, sagt Loraine Awizus, Arbeitsmarktexpertin der Arbeitgeberverbände NORDMETALL und AGV NORD. Die Forderung der Verbände: bessere schulische Bildung, insbesondere in den MINT-Fächern, und eine verbindliche, praxisnahe Berufsorientierung.


Wie groß das Ausbildungsengagement der M+E-Industrie weiterhin ist, zeigt die Entwicklung der Auszubildendenzahlen. Von 2023 bis 2025 stieg ihre Zahl in Norddeutschland um sechs Prozent auf mehr als 10.200. Die Unternehmen bilden damit trotz der schwierigen Konjunkturlage mehr junge Menschen aus.


Viele freie Plätze – aber die Passung fehlt


Der aktuelle Ausbildungsmarkt zeigt, dass der häufig bemühte Begriff vom „Azubi-Mangel“ zu kurz greift. Es gibt Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen, und gleichzeitig Unternehmen mit freien Ausbildungsstellen. Trotzdem finden beide Seiten häufig nicht zusammen.


In Schleswig-Holstein* waren Ende Juni noch 6.528 Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig suchten 6.091 Jugendliche noch nach einem Ausbildungsplatz. Die Zahl der freien Stellen lag damit sogar über der Zahl der unversorgten Bewerber. Allerdings ging die Zahl der unbesetzten Stellen gegenüber dem Vorjahr um 10,6 Prozent zurück, während die Zahl der unversorgten Bewerber um 2,9 Prozent stieg. Besonders viele freie Plätze gab es unter anderem in der Lagerlogistik, im SHK-Bereich und bei Elektronikberufen.


Auch in Mecklenburg-Vorpommern* zeigt sich dieses Bild. Ende Juni waren 3.437 Ausbildungsplätze unbesetzt, während 2.952 Bewerber noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten. Beide Zahlen lagen zwar unter dem Vorjahresniveau – bei den freien Stellen um 6,2 Prozent, bei den unversorgten Bewerbern um 8,2 Prozent. Gerade für technische Berufe bleiben aber zahlreiche Ausbildungsplätze offen: 67 Stellen für Konstruktionsmechaniker, 66 für Metallbauer und 62 für Elektroniker für Betriebstechnik waren noch nicht besetzt.


In Hamburg* waren im Juli noch 3.029 Ausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig ging die Zahl der unversorgten Bewerber gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent zurück. Auch die Zahl der freien Ausbildungsplätze lag 19 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Die Bundesagentur für Arbeit warnt allerdings davor, die aktuelle Lage allein anhand des Verhältnisses von gemeldeten Bewerbern und Ausbildungsstellen zu bewerten. Die Ausbildungsstellenstatistik wurde im Juli rückwirkend revidiert, weil die Zahl der gemeldeten Stellen seit April 2025 statistisch untererfasst worden war.


Und Niedersachsen* liefert einen besonders deutlichen Hinweis darauf, wo das eigentliche Problem liegt. Nach einer aktuellen Ausbildungsumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern konnten 47 Prozent der befragten Ausbildungsbetriebe im vergangenen Ausbildungsjahr nicht alle angebotenen Plätze besetzen. An der landesweiten Befragung beteiligten sich rund 1.600 Ausbildungsbetriebe. Als Hauptgründe nannten 68 Prozent der betroffenen Unternehmen fehlende geeignete Bewerbungen, weitere 25 Prozent erhielten überhaupt keine Bewerbungen.


Damit wird deutlich: Das Problem ist nicht allein die Zahl der Jugendlichen. Es ist vor allem die fehlende Passung zwischen Jugendlichen und Ausbildungsbetrieben.


Unternehmen können Schule nicht ersetzen


Für die Betriebe bedeutet das zusätzlichen Aufwand. Sie müssen Bewerberinnen und Bewerber stärker vorbereiten, Praktika anbieten, Schulkooperationen aufbauen, auf Ausbildungsmessen präsent sein und teilweise auch schulische oder sprachliche Defizite ausgleichen.


Das Engagement ist groß. Doch die Unternehmen können diese Aufgaben nicht unbegrenzt übernehmen.

Gerade die niedersächsische IHK-Umfrage** zeigt, dass es nicht nur um die Qualifikation der Jugendlichen geht. Auch die Rahmenbedingungen der Ausbildung entscheiden darüber, ob ein Betrieb einen Ausbildungsplatz erfolgreich besetzen kann.


Die IHK fordert deshalb unter anderem modern ausgestattete Berufsschulen und eine bessere ÖPNV-Anbindung. Das 2026 eingeführte landesweite Azubi-Ticket soll Jugendlichen den Weg zum Ausbildungsbetrieb und zur Berufsschule erleichtern. Ausbildung müsse im Alltag junger Menschen einfacher erreichbar und attraktiver werden.


Auch bei der Gewinnung ausländischer Auszubildender zeigen sich Hürden. 28 Prozent der niedersächsischen Unternehmen, die an der IHK-Umfrage teilnahmen, bildeten 2025 Auszubildende aus Drittstaaten aus. Als Herausforderungen nannten die Betriebe insbesondere geringe Deutschkenntnisse und bürokratische Hürden. In der Region kommt zudem fehlender Wohnraum in Betriebsnähe hinzu. Die IHK fordert deshalb schnellere und praxistauglichere Verfahren sowie eine gezielte Unterstützung beim Spracherwerb.


Berufsorientierung muss früher beginnen


Für die Metall- und Elektroindustrie ist diese Entwicklung besonders relevant. Technische Ausbildungsberufe setzen häufig solide Kenntnisse in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik voraus. Gleichzeitig müssen Jugendliche wissen, welche beruflichen Möglichkeiten sich hinter diesen Berufen verbergen.


Genau deshalb müsse Berufsorientierung stärker als bisher in den Schulalltag integriert werden, fordern NORDMETALL und AGV NORD. Unternehmen könnten Schülerinnen und Schülern die Arbeitswelt zeigen, Praktika ermöglichen und Ausbildungsberufe erklären. Sie könnten aber nicht dauerhaft die grundlegenden Aufgaben des Bildungssystems übernehmen.


„Die Unternehmen bieten trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage viele Ausbildungsplätze an“, sagt Awizus. Dafür brauche es jedoch Bewerberinnen und Bewerber, die über die notwendigen schulischen und persönlichen Voraussetzungen verfügten. „Nur so können sich die Arbeitgeber auf die Vermittlung der Ausbildungsinhalte konzentrieren.“


Das ist letztlich der entscheidende Punkt: Ausbildungsbetriebe sollen ausbilden – nicht das Bildungssystem reparieren.


Ausbildung braucht bessere Rahmenbedingungen


Die aktuellen Zahlen aus dem Norden zeigen deshalb ein widersprüchliches Bild. In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg gibt es weiterhin Tausende unbesetzte Ausbildungsplätze. Gleichzeitig gibt es Jugendliche, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. In Niedersachsen kann fast jeder zweite Ausbildungsbetrieb nicht alle angebotenen Stellen besetzen. Der Ausbildungsmarkt funktioniert damit nicht allein nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Entscheidend ist, ob Jugendliche und Unternehmen zueinanderfinden – und ob die Rahmenbedingungen dies ermöglichen.


Dafür braucht es aus Sicht der Wirtschaft vor allem vier Dinge: verlässliche schulische Grundlagen, eine frühzeitige und praxisnahe Berufsorientierung, leistungsfähige Berufsschulen und bessere Rahmenbedingungen für die Erreichbarkeit der Ausbildungsorte. Hinzu kommen schnellere Verfahren für internationale Auszubildende, bessere Sprachförderung und – insbesondere in Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt – ausreichender Wohnraum.


Die Unternehmen sind bereit, ihren Teil beizutragen. Die Entwicklung der norddeutschen M+E-Ausbildungszahlen zeigt das deutlich: Binnen zwei Jahren ist die Zahl der Auszubildenden um sechs Prozent auf mehr als 10.200 gestiegen.


Doch dieses Engagement darf nicht zur Dauerkorrektur eines Systems werden, das an anderer Stelle nicht funktioniert. Denn wenn Unternehmen immer mehr Zeit und Ressourcen dafür aufwenden müssen, Jugendliche überhaupt erst ausbildungsfähig zu machen, bleibt weniger Zeit für ihre eigentliche Aufgabe: junge Menschen zu qualifizierten Fachkräften auszubilden. Angesichts des wachsenden Fachkräftebedarfs kann sich der Norden das auf Dauer nicht leisten.


Mehr zum Thema: Ausbildungsumfrage 2026: M+E-Betriebe kämpfen mehr denn je um Azubis - NORDMETALL



JM/NW


Quellenangaben:

Bundesagentur für Arbeit