Olympiabewerbung:

Der Spätstart, ein Fehlstart?

Die Pro-Kampagne kommt erst auf den letzten Metern in Schwung, während Zweifel an Strategie, Infrastrukturpolitik und Hamburgs Chancen im nationalen Wettbewerb wachsen.

Eine Betrachtung von Peter Axel Haas.

Hamburg, 26. Mai 2026. Was lange vor sich hin dümpelte, hat endlich Fahrt aufgenommen: „Olympia? Cooles Ding.“ röhrt Udo Lindenberg jetzt den Hamburgerinnen und Hamburgern von tausenden Plakaten in der ganzen Stadt zu. Ob das allerdings hilft, damit am kommenden Sonntagabend eine Volksabstimmungs-Mehrheit für eine Bewerbung der Elbmetropole zusammenkommt, steht weiter völlig in den Sternen.

Über Monate war im öffentlichen Raum kaum was zu sehen, in den Medien wenig zu lesen und in der Politik nur gelegentlich etwas zu hören über die Hamburger Olympiakandidatur. Dabei hatten In München schon im letzten Herbst zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger „Ja“ zu einer (erneuten) Aufstellung für die Spiele gesagt, in den NRW-Großstädten an Rhein und Ruhr waren es Mitte April fast genauso viele. „Da planten die Hamburger noch ihre Plakatmotive“, spottet einer aus der Werbeszene, der es wissen muss.


Jetzt immerhin säumen an die 30.000 Plakate die Straßenzüge zwischen Billstedt und Blankenese, auf rund drei Vierteln davon wird für ein „Ja“ geworben. Der Senat lässt sich das eine halbe Million Euro kosten, SPD, CDU und Grüne investieren zehnstaudende in eigene Unterstützer-Motive. Von Beiersdorf über die Kammern bis zur Techniker Krankenkasse reicht der Support aus der Wirtschaft, Sportverbände und große Fitnessstudios sind selbstredend auch dabei.


Und immerhin scheint es der Politik, vorweg dem Ersten Bürgermeister und seinem Finanzsenator, geglückt zu sein, mit ihrer Schubargumentation einigermaßen durchzudringen: Hamburg würde bei einem Zuschlag so massiv vom Bund unterstützt, dass die Stadt nach Spielen 2036, 2040 oder 2044 quasi Grundinstand-gesetzt sei und noch dazu Millionen verdient hätte, so Peter Tschentscher und Andreas Dressel. Die negative Sozialneid-Kampagne der Linken und die Ressentiment-getriebene der AfD dürften es dagegen nicht so leicht haben, wie ursprünglich von vielen Olympia-Befürwortern befürchtet. Allerdings bleiben auf den letzten Metern gleichwohl  mindestens zwei Fragen völlig offen: Warum startete die Pro-Kampagne so extrem spät? Der gerade erst zu seinem achtzigsten Geburtstag breit gefeierte Lindenberg tauchte wie viele andere Prominente erst in der zweiten Maihälfte im Stadtbild mit „Ja“-Botschaften auf, abgestimmt werden kann aber per Briefwahl schon seit Ende April. Das könnte die Waage zu einem „Nein“ ausschlagen lassen.


Und wieso baut der hochumstrittene Verkehrssenator Antjes Tjarks jetzt in aller Öffentlichkeitgleich gleich zwei Exit-Strategien auf - für eine Abstimmungsniederlage und für den weiteren Verfall der Hamburger Verkehrsinfrastruktur? Der Ausbau des völlig überlasteten und teilweise maroden Hamburger Hauptbahnhofes werde ohne Olympia bis in die vierziger Jahre nicht kommen, unkte Anjes Tjarks jetzt per Zeitungsgespräch. Will heißen: Wenn es, wie befürchtet nichts wird mit einem „Ja“, seid ihr „Hamburger*innen“ selber schuld, wenn Deutschlands größter Schienenknotenpunkt weiter verfällt – in Wahrheit, weil Tjarks selbst und Tschentscher mit ihm offenbar nicht in der Lage sind, der Bahn und dem Bund valide Zusagen für eine Bahnhofserweiterung abzuringen.


Selbst wenn auf den letzten Metern vor der Stimmauszählung diese Mischung aus durchsichtiger Drohung und politischer Kapitulation noch ziehen sollte – die Entscheidung wird knapp werden. Eine Mini-Mehrheit Pro-Olympia würde auf nationaler Ebene gegen die Zwei-Drittel-Voten aus München und NRW schwach aussehen, selbst Berlins Hauptstadt-Bewerbung hätte wohl mehr für sich. Und wenn dann Ende September der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Baden-Baden den nationalen Bewerber festlegt, gibt es noch eine ganz andere Hürde: Dem politischen Druck Stand zu halten, den NRW Ministerpräsident Henrik Wüst und Markus Söder, bayrischer Ministerpräsident,  mit großer Wahrscheinlichkeit im Hintergrund ausüben. Die Nähe der zwei Unions-Ministerpräsidenten zum Kanzler dürfte für einen Peter Tschentscher ziemlich unüberwindbar sein – vom glücklosen  Kai Wegner im überschuldeten Berlin ganz zu schweigen. Und das Olympia immer auch ein Politikum ist, steht außer Frage.


Womit wir schließlich beim IOC wären: Katar hat sich mit Doha schon beworben, Indien mit Ahmedabad auch, weitere Kandidaten wie die Türkei mit Istanbul und Ungarn mit Budapest stehen bereit. In diese Klasse aufzusteigen, das dürfte einer Stadt mit schlafmütziger Kampagne, politischer Provinzialität beim Neuplanen zentraler Infrastrukturprojekte und überschaubarer Olympiabegeisterung kaum schaffen. Insofern können die Hamburgerinnen und Hamburger der Verkündung des Vorlabstimmungsergebnisses an diesem Sonntag ab 18.30 Uhr ganz entspannt entgegensehen.

Peter Axel Haas