Schifffahrt unter Druck: Branche fordert stärkere Resilienz in Krisenzeiten

Auf der Nationalen Maritimen Konferenz in Emden ringen Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften um Antworten auf geopolitische Risiken – und setzen auf Flotte, Fachkräfte und faire Bedingungen

Emden, 30. April 2026. Die globale Schifffahrt gerät zunehmend ins Spannungsfeld geopolitischer Krisen, militärischer Konflikte und hybrider Bedrohungen. Angriffe auf Handelsschiffe, gestörte Lieferketten und wachsende Unsicherheiten auf den Weltmeeren erhöhen den Druck auf eine Branche, die als Rückgrat der Weltwirtschaft gilt. Für Deutschland, dessen Außenhandel zu großen Teilen über den Seeweg abgewickelt wird, ist die Lage besonders sensibel. Entsprechend stand die Frage nach Versorgungssicherheit und strategischer Resilienz im Mittelpunkt der Nationale Maritime Konferenz 2026 in Emden.

Beim Branchenforum des Verband Deutscher Reeder (VDR) wurde deutlich, wie eng wirtschaftliche Stabilität, Sicherheitspolitik und maritime Leistungsfähigkeit inzwischen miteinander verknüpft sind. VDR-Präsidentin Gaby Bornheim machte klar, dass funktionierende Lieferketten und eine eigene starke Handelsflotte keine Selbstverständlichkeit mehr seien. Deutschland sei auf eine sichere und freie Schifffahrt angewiesen, betonte sie, und brauche dafür wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen ebenso wie strategische Unabhängigkeit.


Auch die Bundesregierung sieht Handlungsbedarf. Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium, verwies darauf, dass maritime Infrastruktur und resiliente Lieferketten zunehmend sicherheitspolitische Bedeutung gewinnen. Der Staat setze daher auf Investitionen in Häfen, Wasserstraßen und Nachwuchsausbildung, um die Handlungsfähigkeit auch in unsicheren Zeiten zu sichern. Dass maritime Resilienz längst konkrete Standortpolitik ist, unterstrich Melanie Leonhard. Am Beispiel Hamburgs zeigte sie, wie entscheidend stabile Seewege für Wohlstand und Versorgung seien – gerade in Krisenzeiten.


Die Reedereien selbst sehen sich unmittelbar mit den Folgen globaler Spannungen konfrontiert. Rolf Habben Jansen, Chef von Hapag-Lloyd AG, sprach von einem deutlich verschärften Umfeld: Verlässliche Lieferketten seien wichtiger denn je, zugleich aber anfälliger. Um auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, brauche es eine leistungsfähige und flexible Handelsflotte sowie international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.


Ein zentrales Thema der Konferenz war der Nachwuchs. Die Zahl der Neueinsteiger auf See ist zuletzt deutlich gestiegen, dennoch warnen Branchenvertreter vor langfristigen Engpässen. Bornheim plädierte dafür, frühzeitig die Voraussetzungen für künftige Einsatzfähigkeit zu schaffen – etwa durch einen freiwilligen Seedienst als Teil eines neuen Wehrdienstmodells. Unterstützung kam aus der Politik: Uwe Schmidt, MdB (SPD)  bezeichnete Investitionen in nautisches Personal als direkten Beitrag zur nationalen Sicherheit und sprach sich ebenfalls für neue Modelle zur Nachwuchsgewinnung aus.


Aus Sicht der Gewerkschaften rückt dabei die Qualität der Arbeitsbedingungen in den Fokus. Dennis Dacke, Bundesfachgruppenleiter Luftverkehr und Maritime Wirtschaft bei ver.di  machte deutlich, dass Resilienz ohne gute Arbeit nicht zu haben sei. Die Verwundbarkeit globaler Lieferketten zeige sich auch an Bord der Schiffe. Verbindliche Standards, faire Wettbewerbsbedingungen und starke Mitbestimmung seien daher zentrale Voraussetzungen für eine krisenfeste Branche.


Ähnlich argumentierte Sebastian Dießner vom Verband Deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere (VDKS), der langfristige Perspektiven für Fachkräfte als Schlüssel zur maritimen Handlungsfähigkeit bezeichnete. Nur mit exzellenter Ausbildung und attraktiven Karrierewegen lasse sich das notwendige Know-how sichern.


Einigkeit herrschte darüber, dass die Bedeutung der Schifffahrt weit über wirtschaftliche Aspekte hinausgeht. Sie ist zunehmend Teil der sicherheitspolitischen Infrastruktur – in Deutschland wie in Europa. Entsprechend forderten die Teilnehmer neben einer starken Flotte und verlässlichen politischen Rahmenbedingungen auch den konsequenten Schutz freier Seewege.


Zum Abschluss bekräftigte Christoph Ploß, Koordinator der Bundesregierung für Maritime Wirtschaft und Tourismus, dass eine leistungsfähige maritime Wirtschaft für die Versorgung mit Gütern und Energie unverzichtbar sei. Die Bundesregierung setze daher gezielt auf Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, etwa durch steuerliche Instrumente wie die Tonnagesteuer.


Die Konferenz machte damit deutlich: In einer zunehmend unsicheren Welt wird die Schifffahrt zum strategischen Faktor – und ihre Stabilität zur politischen Aufgabe.

JM/NW