Spezialist für Sicherheit unter deutscher Flagge

Zunehmende Spannungen und erste Zwischenfälle in der Region nähren die Sorge vor einer Rückkehr der Piraterie im Golf von Aden und vor der Küste Jemens –  Horst Rütten, Experte für maritime Sicherheit und Geschäftsführer der Hamburger Firma „i.b.s. International Operative Services“

ordnet die Lage ein.

Hamburg. Laut Auswertung von Funksignalen und Angaben von Reedereien warten derzeit 158 Schiffe „mit deutschem Bezug“ (Quelle: „MarineForum, 22.05.2026) im Kriegsgebiet zwischen Persischem Golf und Golf von Oman auf ihre Weiterfahrt durch die Straße von Hormus. Sie laufen nicht nur Gefahr, in mögliche Kampfhandlungen hineingezogen werden – drei Schiffe wurden bereits angegriffen. Sondern sie drohen auch Opfer eines Überfalls von Piraten zu werden. Denn aktuelle Meldungen lassen ein Wiederaufleben der Piraterie im Golf von Aden und benachbarter jemenitischer Gewässer befürchten. Es gab erste Zwischenfälle, der gravierendste in der Nähe von Djibouti, wo ein Piratenschiff einen Frachter unter der Flagge der Komoren attackierte und das Feuer eröffnete. Die Aktion wurde erst abgebrochen, als ein herbeigerufenes japanisches Marineboot auftauchte.


Horst Rütten kennt die Wasserwege in der Nahost-Region und die dortigen Bedrohungslagen für die deutsche Handelsschifffahrt genau. Der Experte für maritime Sicherheit ist Geschäftsführer der Hamburger Firma „i.b.s. International Operative Services“ - eins von drei Unternehmen, das seit 2013 für den bewaffneten Schutz von Schiffen besonders in internationalen Seegebieten durch die deutsche Regierung zertifiziert ist. NordWirtschaft sprach mit dem geprüften Sicherheitsfachwirt über Piratenangriffe, iranische Drohnen, Evakuierungsmaßnahmen, wasserseitige Einsätze und die Zukunft seiner Branche.

Allein zwischen 2008 und 2013 entführten somalische Rebellen im Indischen Ozean bis zu 214 Schiffe und deren Besatzungen pro Jahr. Wie weit sind Piratenüberfälle heute noch ein großes Thema?

 

Horst Rütten:

„Derzeit ist es eher ein sekundäres Thema, wobei aber die riesige Anzahl von dort ankernden und leichter anzugreifenden Schiffen der Piraterie zeitnah wieder Auftrieb geben könnte. Grundsätzlich ist es heute aber sehr schwierig, Frachtschiffe zu entern, da Übergriffe in der Regel durch bewaffnete, mindestens vierköpfige Sicherheitsteams erfolgreich abgewehrt werden können. Superyachten sind auf Grund ihrer Bauart und ihres Wertes da ein eher lohnendes Ziel.“

 

Was war in der Region bislang die für Sie gefährlichste Begegnung mit Piraten?

 

Rütten:

„Wir hatten bisher lediglich einen Zwischenfall, bei dem eine Piratengruppe versuchte ein von uns geschütztes Schiff zu entern, was jedoch auf Grund unserer professionellen Abwehrmaßnahmen misslang. Schließlich zwang das damals sehr schlechte Wetter die Piratengruppe zum Abbruch ihres Übergriffs, da schon allein die damalige Höhe der Wellen ein sicheres Entern und Entführen des Schiffes unmöglich gemacht hätte.“

 

Etwa 2.000 Handelsschiffe ankern derzeit vor der Straße von Hormus. Der Iran droht damit, jeden Tanker oder Containerriesen zu attackieren, der unerlaubt die Meerenge zu passieren versucht. Warum haben Sie keine Sicherheitskräfte nach Vorderasien geschickt?

 

Rütten:

„Seit Beginn des Krieges wurden nach meinen Informationen 34 Schiffe (Quelle: „MarineForum, 22.05.2016) von iranischen Raketen und Drohnen getroffen, drei davon mit deutschen Interessen, wodurch es Verletzte und sogar Tote gab. Auf Grund der Vielzahl der durch den Iran eingesetzten Drohnen kann unser Unternehmen lediglich eingeschränkten Schutz für Seeschiffe bieten. Das liegt daran, dass effektive Abwehrsysteme gegen Drohnen extrem teuer und nicht leicht zu beschaffen sind. Zudem fahren Schiffe ohne Freigabe der iranischen Revolutionsgarden nicht unversichert durch die Straße von Hormus. Und wer dort nicht durchfährt, wird auch nicht angegriffen. Deshalb beschränken sich unsere Dienstleistungen für Reedereien auf beratende Funktionen.“

 

Bei Evakuierungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ins sichere Oman haben Sie dagegen Ihre Unterstützung angeboten…

 

Rütten:

„Ja, wir haben seinerzeit über unseren strategischen Partner im Oman spontan innerhalb von 24 Stunden eine große Anzahl von Geländewagen und eine Boeing 737 zur Verfügung gestellt. Jedoch wurden die damaligen, etwas überhasteten Ausreisen von Betroffenen entweder eigenverantwortlich oder über Sicherheitsunternehmen vor Ort in den Vereinigten Arabischen Emiraten organisiert.“

 

Welche Meerengen sind neben der Straße von Hormus derzeit die gefährlichsten Nadelöhre des weltweiten Handels über See?

 

Rütten:

„Eine Wasserstraße mit einer sehr hohen Gefährdungsstufe ist der südliche Bereich des Roten Meeres und die Meerenge Bab-al-Mandab, an die der Jemen mit den Huthi-Rebellen grenzt. Die Strecke ist die kürzeste Verbindung zwischen Asien und Europa. Etwa zwölf bis 15 Prozent aller global gehandelten Waren passieren diese Route. Ein weiterer sehr heikler Ort für den Welthandel ist die Straße von Malakka. Sie ist der wichtigste europäisch-asiatische Transportweg, der das Südchinesische Meer und den Indischen Ozean verbindet. Über ihn fließen mit über 100.000 Schiffsbewegungen jährlich etwa 40 Prozent des Welthandels. Über 75 Prozent der Rohölimporte Chinas werden über dieses Nadelöhr verschifft. Die Zahl der bewaffneten Überfälle erreichte 2025 wieder den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten.“



 

Was sind aktuell Ihre hauptsächlichen Einsatzfelder?

 

Rütten:

„Immer häufiger werden Schutzeinsätze von Binnengewässern aus mit unserem Festrumpfschlauchboot angefragt. Es ist mit einer Wärmebildkamera mit sieben Kilometern Reichweite, Radar und 500 PS ausgerüstet und erreicht damit eine Geschwindigkeit bis zu 85 Stundenkilometern. Diese spezielle Art des bewaffneten Objektschutzes betrifft Hafenanlagen, wo beispielsweise Handelsschiffe mit Kriegsmaterial an einer Pier liegen, Industrieanlagen mit Wasserzugang und Offshore-Plattformen. Zudem unterstützen wir mit unserem Institut für maritime Einsatzaus- und Fortbildung militärisches Personal der NATO und Deutschen Marine.“

 

Sie haben 1996 als reine Bodyguard-Agentur begonnen. Welche Rolle spielt bei Ihnen noch der Personenschutz? 

 

"Personenschutz von Politikern oder Klienten aus der privaten Wirtschaft ist nach wie vor eine unserer häufigsten Dienstleistungen, die von der KI noch nicht ersetzt werden kann. Daneben sind Sicherheitsberatung und die Konzepterstellung für Industrieanlagen und Konzerne nach Schwachstellentests weitere wachsende Aufgabengebiete unseres Unternehmens.“

 

Im März feierten Sie das 30-jährige Bestehen Ihres Sicherheitsunternehmens. Braucht der globale Handel über See bald einen privaten Geleitzug?

 

Rütten:

„Das spezialisierte Sicherheitsgewerbe bietet trotz des Einzugs von KI noch immer eine gute Perspektive und wir bekommen zahlreiche Bewerbungen von ehemaligen Einsatzkräften. Das liegt einerseits an den wachsenden Krisenherden, sich radikalisierenden Gruppen und Zellen, andererseits an Sparmaßnahmen des Staates im Sicherheitsbereich, vor allem bei der kritischen Infrastruktur. Ich denke daher, dass auch der globale Handel auf See zukünftig eine noch robustere Sicherheitsarchitektur benötigt.“

 

Ihre Branche genießt teilweise nicht den besten Ruf. Alles nur Vorurteile?

 

Rütten:

„Ich kann nur für mein Unternehmen sprechen. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle und die Bundespolizei See kontrollieren zum Beispiel alle zwei Jahre unsere Zulassung für den maritimen Bereich. Unsere Mitarbeiter, von denen viele einen militärischen Hintergrund bei der Deutschen Marine haben, werden von der Klassifikationsgesellschaft DNV geschult. Es kann also keiner leicht in diesem Segment Fuß fassen."

 

Aber schwarze Schafe gibt es überall…

 

Rütten:

„Das liegt am Überwachungsdefizit des deutschen Staates. Er kann wegen Personalmangels nicht überall kontrollieren, was dann sowohl von unseriösen Klienten als auch Sicherheitsanbietern ausgenutzt wird. Ich denke jedoch nicht, dass die kommerzielle Sicherheitswirtschaft hier gegenüber anderen Gewerben besonders negativ heraussticht.“

 

Das Gespräch führte Jörn Arfs.