Unsichere Seewege, stabile Perspektiven: Schifffahrt trotzt geopolitischen Krisen

Blockade der Straße von Hormus und Spannungen im Roten Meer bremsen den Welthandel – doch mittelfristig dürfte der Seeverkehr wieder Fahrt aufnehmen

Hamburg/Berlin, 15. April 2026. Die globale Schifffahrt steht unter Druck wie lange nicht. Geopolitische Spannungen in zentralen Seehandelsregionen stören etablierte Routen, verteuern Transporte und bringen Lieferketten ins Wanken. Dennoch zeigt die heute veröffentlichte Gleitende Mittelfristprognose für den Güter- und Personenverkehr: Der Seeverkehr bleibt ein zentraler Wachstumstreiber – auch wenn die Rückkehr zur Normalität Zeit braucht.

Im Zentrum der aktuellen Verwerfungen steht die Lage rund um die Straße von Hormus. Die Meerenge zählt zu den wichtigsten Nadelöhren des globalen Handels: Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls passiert diese Passage. Die anhaltende Blockade infolge des Kriegs im Iran hat daher unmittelbare Auswirkungen auf Energiepreise, Transportkosten und die Stabilität internationaler Lieferketten. Gleichzeitig verschärft die unsichere Sicherheitslage im Rotes Meer die Situation. Viele Reedereien meiden zunehmend den Suezkanal – eine der wichtigsten Abkürzungen zwischen Europa und Asien – und weichen stattdessen auf die deutlich längere Route rund um das Kap der Guten Hoffnung aus.


Diese Umwege haben weitreichende Folgen: Schiffe sind länger unterwegs, Frachtraten steigen, und Container fehlen an den richtigen Orten. Für exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland bedeutet das eine spürbare Belastung. Produktionsprozesse geraten ins Stocken, weil Vorprodukte verspätet eintreffen, während gleichzeitig die Kosten entlang der gesamten Lieferkette steigen. Auch Verbraucher bekommen die Effekte indirekt zu spüren – etwa durch höhere Preise für importierte Güter.


Vor diesem Hintergrund fällt die kurzfristige Prognose verhalten aus: Für das Jahr 2026 wird lediglich ein Wachstum des Seegüterumschlags von rund 0,5 Prozent erwartet. Zwar profitieren einzelne Segmente wie der Containerverkehr sowie der Handel mit Maschinen, langlebigen Konsumgütern und Sekundärrohstoffen von einer grundsätzlich stabilen Nachfrage. Doch rückläufige Rohöltransporte und der strukturelle Bedeutungsverlust von Kohle wirken dämpfend.


Mittelfristig zeichnet sich jedoch eine Erholung ab. Für die Jahre 2027 bis 2029 rechnen die Experten wieder mit einer Belebung des Welthandels. Insbesondere der Containerverkehr dürfte davon profitieren. Insgesamt wird ein durchschnittliches Wachstum des Seeverkehrs von etwa 1,6 Prozent pro Jahr prognostiziert. Damit könnte das Vorkrisenniveau von 2019 bis zum Ende des Jahrzehnts wieder erreicht werden.


Für den Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe bestätigen die Zahlen eine bekannte Diagnose: Die maritime Infrastruktur steht zunehmend unter Stress. „Die aktuellen Entwicklungen zeigen sehr deutlich, wie anfällig globale Lieferketten für geopolitische Schocks sind“, erklärt Hauptgeschäftsführer Florian Keisinger. Wenn zentrale Handelsrouten ausfallen oder umfahren werden müssen, habe das unmittelbare Auswirkungen auf Kosten, Laufzeiten und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.


Gleichzeitig unterstreiche die Prognose die langfristige Bedeutung der Seehäfen für die deutsche Volkswirtschaft. Trotz aller Unsicherheiten bleibe der Seeverkehr ein Wachstumstreiber. „Das prognostizierte Wiedererreichen des Vorkrisenniveaus bis 2029 zeigt: Die Nachfrage nach leistungsfähigen Häfen wird weiter steigen“, so Keisinger.


Vor diesem Hintergrund fordert der Verband eine stärkere Rolle des Bundes beim Ausbau der Hafeninfrastruktur. Investitionen in moderne Terminals, resilientere Lieferketten und leistungsfähige Hinterlandanbindungen seien entscheidend, um Deutschlands Position als Logistik- und Industriestandort zu sichern.


Die aktuelle Krise macht damit vor allem eines deutlich: Die Globalisierung bleibt abhängig von stabilen Seewegen – und diese sind verletzlicher, als lange angenommen.

JM/NW