Jubiläum
Was viele Hamburger nicht wissen: Ohne diesen Flaschenpost-Forscher gäbe es das BSH wohl nicht
Vor 200 Jahren wurde Georg von Neumayer geboren. Der Wissenschaftler legte mit einer ebenso einfachen wie genialen Idee den Grundstein für moderne Meeresforschung – und für Institutionen, die bis heute in Hamburg wirken
Hamburg, Juni 2026. Wer heute am Hamburger Hafen entlangspaziert, ahnt kaum, dass ein Teil der modernen Meeresforschung auf einer Methode beruht, die fast romantisch anmutet: Flaschenpost. Vor 150 Jahren warf ein deutscher Wissenschaftler Tausende Glasflaschen ins Meer. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus wissenschaftlichem Interesse. Die Flaschen enthielten Zettel mit der Bitte an ihre Finder, den Fundort zu melden. Aus den Rückmeldungen entstand erstmals ein genaueres Bild der Strömungen in den Weltmeeren.
Besonders fasziniert war Neumayer von den
Strömungen der Ozeane. Seine
Flaschenpost-Experimente waren für die damalige Zeit revolutionär. Tausende Flaschen wurden über Jahre hinweg ausgesetzt. Jede Rückmeldung half dabei, die Bewegungen der Wassermassen besser zu verstehen.
Heute würde niemand mehr auf den Zufall hoffen, dass eine Flasche an einem Strand gefunden wird. Doch das Grundprinzip lebt weiter. „Mit seinen Flaschenposten zur Erforschung der Meeresströmungen bewies Georg von Neumayer Pioniergeist. 150 Jahre später sind Argo-Floats an ihre Stelle getreten – das BSH treibt damit in internationaler Kooperation die Erforschung der Meere voran“, sagt
BSH-Präsident Helge Heegewaldt.
Die modernen Nachfolger der Flaschenpost treiben seit dem Jahr 2000 durch die Weltmeere. Rund 4.000 sogenannte Argo-Floats messen automatisch Temperatur, Salzgehalt und Druck und senden ihre Daten per Satellit. Deutschland finanziert davon jährlich etwa 50 Messsonden. Zehn weitere sollen noch in diesem Jahr hinzukommen.
Für die Klimaforschung sind diese Daten unverzichtbar geworden. „Die Daten sind die Grundlage für Vorhersagemodelle und für die Meeres- und Klimaforschung von unschätzbarem Wert. Erst durch Argo-Floats lassen sich präzisere Aussagen zum Klimawandel in den Ozeanen treffen. Die Bedeutung zeigt sich auch daran, dass der Weltklimarat die Argo-Daten prominent in seine Berichte einbindet“, sagt Heegewaldt.
Doch Neumayers Wirken reichte weit über die Ozeanografie hinaus. Er gehörte zu den Wegbereitern der internationalen Polarforschung, organisierte wissenschaftliche Expeditionen und war einer der Hauptinitiatoren des Ersten Internationalen Polarjahres 1882/83. Jahrzehntelang kämpfte er für eine deutsche Antarktisexpedition – mit Erfolg. Die Gauß-Expedition von 1901 bis 1903 wurde auch durch sein Engagement möglich. Dass sein Name bis heute in der Polarforschung präsent ist, zeigt ein Blick in die Antarktis:
Die deutsche Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts trägt den Namen Neumayer-Station III.
Wer den Pionier heute noch entdecken möchte, muss nicht bis ans Ende der Welt reisen. In Hamburg lagert ein Teil seines wissenschaftlichen Erbes. Die
Maritime Fachbibliothek des BSH
bewahrt originale Dokumente aus dem historischen Flaschenpost-Programm auf – handschriftliche Fundmeldungen aus aller Welt, Karten und Korrespondenzen. Sie erzählen von einer Zeit, in der die Erforschung der Ozeane mit einer Idee begann, die ebenso einfach wie genial war.
Anlässlich seines 200. Geburtstags erinnert auch die
Georg-von-Neumayer-Stiftung an den Wissenschaftler. Geplant sind unter anderem Feierlichkeiten in Weisenheim am Berg sowie eine Liveschaltung zur Neumayer-Station III in der Antarktis.
„Georg von Neumayer blieb seiner pfälzischen Heimat stets eng verbunden. Er leitete den Naturkundeverein Pollichia, zog nach seinem Ruhestand in die Pfalz zurück und ließ aus Geburtstagsgeldern eine Stiftung gründen, die heute seinen Namen trägt. Die Stiftung fördert die naturwissenschaftliche Erforschung der Pfalz sowie die Erinnerung an bedeutende Naturwissenschaftler der Region", sagt
Dr. Lenelotte Müller, Vorsitzende der Georg von Neumayer-Stiftung.
Zweihundert Jahre nach seiner Geburt zeigt sich: Die Flaschenpost ist längst Geschichte. Der Forschergeist dahinter aber treibt noch immer durch die Weltmeere.
Quelle: BSH
JM/NW