Wenn der Nachfolger fehlt: Deutschland verliert Unternehmen
188.000 Unternehmen verschwinden – auch gesunde Betriebe geben auf
Neuss/Hamburg, 18. August 2026. Deutschland verliert Unternehmen – und das in einem Tempo wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Rund 188.000 Betriebe haben 2025 ihre Geschäftstätigkeit eingestellt. Das waren zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders bemerkenswert: Viele dieser Unternehmen sind nicht insolvent. Sie verschwinden vom Markt, obwohl ihre wirtschaftliche Lage zumindest noch solide ist. Das zeigt eine gemeinsame Untersuchung von Creditreform und dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Danach erfolgen rund 87 Prozent der Geschäftsaufgaben ohne Insolvenzverfahren. Nur etwa 13 Prozent der Schließungen gehen auf eine Insolvenz zurück.

Damit rückt ein Problem stärker in den Vordergrund, das lange weniger sichtbar war als Unternehmenspleiten: die fehlende Nachfolge. Fast ein Drittel der freiwilligen Geschäftsaufgaben erfolgt inzwischen aus Altersgründen. Vor zehn oder 15 Jahren lag der Anteil noch deutlich niedriger.
„Immer mehr Betriebe schließen, weil Firmeninhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden“, sagt Dr. Sandra Gottschalk, Senior Researcher beim ZEW Mannheim. Für die Wirtschaft bedeutet das: Unternehmen verschwinden nicht zwangsläufig, weil ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Teilweise fehlt schlicht jemand, der es weiterführt.
Wirtschaftliche Substanz geht verloren
Patrik-Ludwig Hantzsch von Creditreform sieht darin eine zunehmende Belastung für den Wirtschaftsstandort. Die Krisendynamik erfasse inzwischen die gesamte Breite der Wirtschaft. Neben Finanzierungsschwierigkeiten seien technologischer Wandel, steigender Wettbewerbsdruck und der Mangel an Arbeitskräften Gründe für das Aus von Unternehmen.
Doch gerade die freiwilligen Schließungen zeigen, dass die aktuelle Entwicklung nicht allein mit einer schwachen Konjunktur zu erklären ist. Wenn ein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb mangels Nachfolger geschlossen wird, gehen auch Arbeitsplätze, Kundenbeziehungen, Fachwissen und gewachsene Strukturen verloren.
Das Problem zieht sich durch zahlreiche Branchen. Im vergangenen Jahr stellten gut 11.000 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes ihren Betrieb ein – zehn Prozent mehr als 2024. Im Baugewerbe wurden rund 24.000 Unternehmen geschlossen, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Im Gastgewerbe lag die Zahl der Schließungen bei gut 15.000, ein Plus von 15 Prozent. Auch im Handel nahm die Zahl der Geschäftsaufgaben um acht Prozent zu.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung im Gesundheitswesen. Dort wurden 2025 rund 11.000 Unternehmen geschlossen, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der aufgegebenen Arztpraxen stieg sogar um 23 Prozent auf knapp 5.500. Gerade in ländlichen Regionen kann das Folgen für die Versorgung haben.
Auch der Norden ist betroffen
Regional fallen die Unterschiede deutlich aus. Die höchste Schließungsrate verzeichnet Bremen: 7,8 Prozent der Unternehmen, die 2024 noch bestanden, waren 2025 vom Markt verschwunden. Auch Schleswig-Holstein gehört zu den Ländern mit vergleichsweise hohen Schließungsraten. Die Zahl der Geschäftsaufgaben stieg dort binnen Jahresfrist um 21 Prozent.
Hamburg steht im Vergleich besser da. Hier lag die Schließungsrate bei 5,3 Prozent – ebenso wie in Baden-Württemberg. Dennoch zeigt auch die Entwicklung im Norden: Die Frage, was mit einem Unternehmen passiert, wenn die bisherige Inhaberin oder der bisherige Inhaber ausscheidet, wird wichtiger. Denn eine Unternehmensschließung ist nicht immer das Ende eines wirtschaftlich überholten Geschäftsmodells. Manchmal ist sie schlicht das Ende einer Unternehmergeneration. Und genau darin liegt eine Herausforderung, die sich mit einer besseren Konjunktur allein nicht lösen lässt.
Hinweis zur Methodik:
Die Berechnung der Schließungszahlen wurde angepasst. Bei im Handelsregister eingetragenen Unternehmen gilt nun – sofern durch Creditreform bereits früher festgestellt – das Datum der Geschäftseinstellung statt das der späteren Handelsregisterlöschung als Schließungsdatum. Dadurch wurde die Zeitreihe rückwirkend revidiert.
Quelle: Creditreform
JM/NW
