Wenn der Rhein zum Nadelöhr wird: Warum die Hafenwahl wichtiger wird

Das aktuelle Niedrigwasser setzt Deutschlands Lieferketten unter Druck. Die Hamburger Spediteure sehen darin einen Weckruf für Unternehmen – und einen Vorteil für den Hamburger Hafen mit seiner starken Schienenanbindung.

Hamburg. Der Rhein wird zum Stresstest für Deutschlands Lieferketten. Nach wochenlanger Trockenheit sind die Wasserstände inzwischen so niedrig, dass Binnenschiffe vielerorts nur noch deutlich weniger Ladung aufnehmen können. Transporte werden teurer, Niedrigwasserzuschläge steigen und Unternehmen müssen kurzfristig nach Alternativen suchen. Bereits im Juli konnten Schiffe auf dem Rhein teilweise nur noch mit rund einem Drittel ihrer üblichen Ladung fahren.

Für die Hamburger Spediteure ist die aktuelle Situation deshalb mehr als ein vorübergehendes Problem der Binnenschifffahrt. Sie zeigt aus Sicht des Vereins Hamburger Spediteure (VHSp), wie wichtig es für Unternehmen ist, ihre Lieferketten auch gegen Wetterextreme abzusichern. Die Wahl des Seehafens könne dabei zu einem entscheidenden Faktor werden. „Resiliente Lieferketten beginnen bei der Hafenwahl“, sagt Axel Plaß, Vorsitzender des Vereins Hamburger Spediteure. Unternehmen sollten sich nicht erst dann mit alternativen Transportwegen beschäftigen, wenn eine Wasserstraße oder andere Infrastruktur bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stoße. Die Erreichbarkeit eines Hafens und seine Hinterlandverbindungen müssten vielmehr Bestandteil jeder langfristigen Supply-Chain-Strategie sein.


Dürre wird zum wirtschaftlichen Risiko


Die aktuelle Situation am Rhein zeigt, wie schnell aus einem Wetterereignis ein wirtschaftliches Problem werden kann. Der Rhein ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen für die deutsche Industrie. Sinkende Pegel begrenzen die Transportkapazität der Binnenschiffe und können damit Rohstoff- und Warenströme verlangsamen. Die Folgen reichen von höheren Transportkosten bis hin zu möglichen Belastungen für die Industrieproduktion.


Besonders bemerkenswert ist dabei der Zeitpunkt: Niedrigwasser tritt am Rhein normalerweise eher im Spätsommer und Herbst auf. In diesem Jahr hat die Trockenheit deutlich früher zu erheblichen Einschränkungen geführt. Das Bundesumweltministerium verweist ebenfalls darauf, dass häufigere Wetterextreme und anhaltende Trockenheit zu länger andauernden niedrigen Wasserständen in Flüssen führen können.
Für Unternehmen bedeutet das: Bei der Planung internationaler Warenströme reicht es nicht mehr aus, lediglich Entfernung, Umschlagkosten oder Frachtraten zu vergleichen. Entscheidend wird zunehmend die Frage, wie stabil eine komplette Transportkette auch dann funktioniert, wenn ein wichtiger Verkehrsweg über Wochen nur eingeschränkt nutzbar ist.


Hamburg: Das Seeschiff fährt weit ins Binnenland


Genau hier sieht der VHSp eine besondere Stärke Hamburgs. Während viele Seehäfen ihre Ladung anschließend über weitreichende Hinterlandverbindungen verteilen müssen, gelangen große Seeschiffe über die Unter- und Außenelbe direkt bis nach Hamburg. Die vergleichsweise lange Revierfahrt von der Nordsee bis zum Hamburger Hafen wird häufig als Nachteil des Standorts betrachtet. Aus Sicht der Hamburger Spediteure lässt sich die Geografie jedoch auch anders bewerten: Das Seeschiff selbst bringt große Gütermengen bereits weit ins Binnenland. „Was auf den ersten Blick als lange Zufahrt erscheint, ist aus logistischer Sicht ein struktureller Vorteil: Das leistungsfähigste Transportmittel der internationalen Lieferkette bringt die Ladung unmittelbar bis nach Hamburg. Erst dort wird sie auf die für den jeweiligen Zielort geeigneten Verkehrsträger verteilt“, sagt Plaß.


Axel Plaß, Vorsitzender des Vereins Hamburger Spediteure (VHSp), sieht in resilienten Lieferketten und einer vorausschauenden Hafenwahl entscheidende Faktoren für die Versorgungssicherheit. Foto. VHSp

Schiene als Alternative zum Rhein


Besonders wichtig ist dabei die Hamburger Hafenbahn. Hamburg gilt als Europas führender Eisenbahnhafen. Das fast 300 Kilometer lange Gleisnetz verbindet die Terminals mit dem deutschen und europäischen Hinterland. Rund 200 Güterzüge verkehren täglich, mehr als 160 Eisenbahnverkehrsunternehmen nutzen das Netz.


2025 wurden über die Hamburger Hafenbahn mehr als 44,4 Millionen Tonnen Güter und 2,6 Millionen TEU transportiert. Damit verfügt der Hamburger Hafen neben Straße und Binnenschiff über eine leistungsfähige Alternative für den Weitertransport ins Hinterland. Gerade bei längeren Verbindungen nach Süd-, Mittel- und Osteuropa kann die Schiene deshalb eine wichtige Rolle spielen. Das aktuelle Niedrigwasser zeigt, warum solche Alternativen für Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnen. „Es geht nicht darum, einen Verkehrsträger gegen einen anderen auszuspielen. Eine resiliente Lieferkette benötigt Alternativen“, betont Plaß.
Hamburgs Stärke liege gerade darin, dass große Mengen per Seeschiff weit ins Landesinnere gelangen und von dort insbesondere über ein leistungsfähiges Schienennetz weitertransportiert werden könnten.


Lieferketten müssen auf Störungen vorbereitet sein


Welcher Hafen für ein Unternehmen tatsächlich die beste Wahl ist, hängt allerdings von zahlreichen Faktoren ab – von Herkunft und Zielregion über Reedereiverbindungen und Laufzeiten bis hin zu Kosten, Umschlagmöglichkeiten und der Verfügbarkeit von Bahn- und Lkw-Kapazitäten. Der VHSp empfiehlt Unternehmen deshalb, ihre Lieferketten regelmäßig einem Resilienz-Check zu unterziehen. Dabei sollte nicht nur gefragt werden, welche Route heute am günstigsten ist, sondern auch, was passiert, wenn ein Teil dieser Route plötzlich über längere Zeit ausfällt oder nur eingeschränkt genutzt werden kann. „Nicht für jede Relation gibt es dieselbe optimale Lösung“, sagt Plaß. Gerade deshalb sei die Erfahrung international tätiger Spediteure wichtig. Sie könnten gemeinsam mit ihren Kunden prüfen, welcher Seehafen, welche Reedereiverbindung und welcher Hinterlandverkehr wirtschaftlich und zugleich möglichst robust seien.


Die aktuelle Dürreperiode liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Sie macht sichtbar, dass Infrastruktur nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Kapazität und Kosten betrachtet werden kann.
In Zeiten zunehmender Wetterextreme wird auch ihre Widerstandsfähigkeit zum Wettbewerbsfaktor. „Versorgungssicherheit entsteht nicht erst in der Krise. Sie entsteht durch vorausschauende Planung“, sagt Plaß. Wer heute über seine Lieferketten von morgen entscheide, sollte deshalb einen Seehafen wählen, der nicht nur leistungsfähig sei, sondern auch über möglichst belastbare und vielfältige Verkehrsverbindungen verfüge. Aus Sicht des VHSp bietet Hamburg dafür besonders gute Voraussetzungen.

6. August 2026

JM/NW