Wenn Seewege zu Krisenherden werden

Angriffe im Nahen Osten und auf anderen zentralen Handelsrouten gefährden die globale Versorgung. Für Europa wachsen die Risiken bei Energie, Rohstoffen und Lieferketten – und für die Seeleute die Gefahr für Leib und Leben.

Hamburg, 15. Oktober 2026. Handelsschiffe werden im Schwarzen Meer versenkt, in der Golfregion erneut angegriffen und im Roten Meer weiterhin bedroht. Damit geraten mehrere zentrale Seewege gleichzeitig unter Druck. Besonders die Eskalation im Nahen Osten verschärft die Lage: Angriffe auf Schiffe, die Bedrohung der Straße von Hormus und die anhaltenden Risiken im Roten Meer treffen empfindliche Knotenpunkte des Welthandels. Die Folgen reichen weit über die unmittelbaren Konfliktgebiete hinaus. Sie gefährden Menschenleben, erschweren die weltweite Versorgung, bringen Lieferketten durcheinander und erhöhen den Preisdruck auch in Deutschland und Europa.

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die gleichzeitige Eskalation auf mehreren zentralen Seewegen die regelbasierte Ordnung auf See insgesamt gefährdet. Angriffe auf zivile Schiffe und die Blockade freier Durchfahrten dürfen nicht zur Normalität werden“, sagt Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR). „Die Staatengemeinschaft muss dieser Entwicklung gemeinsam entgegenwirken – mit Diplomatie, internationaler Zusammenarbeit und wirksamem Schutz für Handelsschiffe und ihre Besatzungen.“


Die Gefahrenlage im Nahen Osten trifft zentrale Handelsadern


Die Straße von Hormus und das Rote Meer sind neuralgische Punkte des internationalen Handels. Durch die Meerenge zwischen dem Iran und der Arabischen Halbinsel werden große Mengen an Erdöl, Ölprodukten und Flüssigerdgas transportiert. Störungen können deshalb die globalen Energiemärkte unmittelbar treffen. Im Roten Meer und am Zugang zum Suezkanal geht es zugleich um eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Asien und Europa. Werden diese Routen unsicher, müssen Reedereien ihre Fahrpläne und Routen anpassen – mit Folgen für Transportzeiten, Kapazitäten und Kosten.


Die Risiken beschränken sich jedoch nicht auf den Nahen Osten. Wie nah die Gewalt inzwischen an Europa heranreicht, zeigen die jüngsten Angriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer. Selbst vor der Küste des EU-Mitgliedstaats Bulgarien wurden Frachtschiffe von Drohnen getroffen. Eines der Schiffe sank. Auch im Persischen Golf und rund um die Straße von Hormus kommt es immer wieder zu Angriffen auf Handelsschiffe. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO verzeichnet für die Region seit Konfliktbeginn 113 bestätigte Vorfälle und 24 getötete Seeleute.


Im Roten Meer bleibt die Gefahr erneuter Huthi-Angriffe bestehen. Auch die anhaltenden militärischen Spannungen um Taiwan bergen Risiken für wichtige Handelsverbindungen. Vor der deutschen Haustür in der Ostsee erschweren zudem Störungen und Manipulationen von Satellitennavigationssignalen wie GPS die sichere Navigation.


Die Gleichzeitigkeit dieser Krisen verschärft das Problem. Reedereien können gefährdete Gebiete nicht immer einfach umgehen, ohne erhebliche zusätzliche Kosten und Verzögerungen in Kauf zu nehmen. Werden mehrere Routen gleichzeitig unsicher, schrumpfen die Ausweichmöglichkeiten. Die Sicherheit der Handelsschifffahrt wird damit zunehmend zu einer strategischen Frage – für die internationale Staatengemeinschaft ebenso wie für exportorientierte Volkswirtschaften und Unternehmen, die auf verlässliche Lieferungen angewiesen sind.


Vom Konfliktgebiet bis an die Tankstelle


Wie unmittelbar die Sicherheitslage auf die Versorgung durchschlägt, zeigen die Entwicklungen bei Getreide und Energieträgern. Russland und die Ukraine stehen für rund 27 Prozent der weltweiten Weizenexporte. Mitten in der wichtigen Verschiffungszeit nach der Ernte wurde über die Schwarzmeerroute im September rund 78 Prozent weniger Weizen verladen als ein Jahr zuvor: nur 1,6 statt 7,3 Millionen Tonnen.


Auch die Energieversorgung steht unter Druck. Durch die Straße von Hormus wurden 2025 täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte transportiert. Anfang Oktober lagen die Rohöltransporte rund 26 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Auch der Flüssiggastransport bleibt stark eingeschränkt. Vor dem Krieg passierten fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels diese Meerenge.


Damit wächst die Unsicherheit auf einem Markt, der ohnehin sensibel auf geopolitische Risiken reagiert. Schon die Gefahr weiterer Ausfälle kann Preise und Beschaffungsentscheidungen beeinflussen. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur höhere Kosten, sondern auch eine schwierigere Kalkulation: Energie, Transport und Vorprodukte lassen sich unter solchen Bedingungen weniger verlässlich planen.


Im Roten Meer kommen zusätzliche Belastungen hinzu. Anhaltende Sicherheitsrisiken zwingen viele Schiffe zu Umwegen um Afrika. Die längeren Routen binden Schiffe und Besatzungen länger, erhöhen den Treibstoffverbrauch und verlängern die Lieferzeiten. Betroffen sind unter anderem Rohstoffe, Kleidung, Elektronik und industrielle Bauteile.


Fallen Lieferungen aus, suchen Käufer weltweit Ersatz. Das verteuert auch die Beschaffung für Deutschland und Europa. Teurere Energie belastet die Produktion, teurerer Diesel die Landwirtschaft und den Güterverkehr. Zusammen mit höheren Transportkosten entsteht zusätzlicher Preisdruck entlang der Lieferketten. Was als militärische Eskalation in einer bestimmten Region beginnt, kann sich so über internationale Märkte bis in die Produktionskosten der Unternehmen und die Haushaltsbudgets der Verbraucher fortsetzen. „Die Folgen treffen unsere auf Rohstoffimporte angewiesene Wirtschaft ebenso wie uns Verbraucher beim Heizen, im Supermarkt oder an der Tankstelle. Sichere Seewege sind Grundlage unseres Wohlstandes und einer bezahlbaren Versorgung“, sagt Kröger.


Seeleute tragen das unmittelbare Risiko


Während sich die wirtschaftlichen Folgen häufig erst mit Verzögerung bemerkbar machen, ist die Gefahr für die Besatzungen unmittelbar. Seeleute müssen ihre Arbeit auch dann verrichten, wenn Handelsschiffe in die Reichweite von Drohnen, Raketen oder anderen Angriffen geraten. Sie sind keine Konfliktpartei, werden aber zunehmend selbst zum Ziel oder geraten zwischen die Fronten militärischer Auseinandersetzungen.


Zugleich muss die Schifffahrt auf eine Lage reagieren, die sich kurzfristig verändern kann. Routen müssen neu bewertet, Sicherheitsvorkehrungen angepasst und Entscheidungen über mögliche Umwege getroffen werden. Die Verantwortung für die Sicherheit der Besatzungen und der transportierten Güter wächst. Ein Restrisiko bleibt dennoch bestehen, solange zivile Schiffe angegriffen werden und wichtige Durchfahrten nicht verlässlich gesichert sind.


Trotz der angespannten Lage bleibt die Seeschifffahrt verlässlich. Reedereien und Besatzungen halten die Versorgung mit angepassten Routen und langen Umwegen aufrecht. „Dass Waren weiterhin ankommen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie gefährdet ihre Lieferwege inzwischen sind. Den höchsten Preis zahlen Seeleute, die bei Angriffen verletzt oder getötet werden“, betont Kröger. „Seewege schützen sich nicht von allein. Die Menschen, die unsere Versorgung sichern, brauchen selbst Sicherheit.“


Freie Schifffahrt braucht gemeinsame Antworten


Der VDR appelliert deshalb an die Bundesregierung und ihre europäischen und internationalen Partner, die diplomatischen Bemühungen zur Beendigung der Angriffe zu verstärken, freie Durchfahrten zu sichern und Schutzmaßnahmen zu koordinieren. Dazu gehören auch ausreichend ausgestattete Marinen und Schutzmissionen wie die europäische Operation ASPIDES.


Dabei geht es nicht allein um den Schutz einzelner Schiffe. Die freie Schifffahrt ist eine wesentliche Voraussetzung für den internationalen Handel und die Versorgung mit Energie, Rohstoffen und Waren. Werden Durchfahrten eingeschränkt oder zivile Schiffe zum Ziel politischer und militärischer Auseinandersetzungen, geraten grundlegende Regeln des Welthandels unter Druck. Eine koordinierte internationale Antwort soll verhindern, dass sich solche Eingriffe dauerhaft etablieren.


Der VDR begrüßt in diesem Zusammenhang die am 12. Oktober vorgestellte internationale Initiative zum Schutz der freien Schifffahrt, die von allen EU-Mitgliedstaaten und 34 weiteren Staaten unterstützt wird. Sie richtet sich insbesondere gegen unrechtmäßige Gebühren, Durchfahrtsbeschränkungen und andere Eingriffe in die Freiheit der Schifffahrt. Auch der aktuelle EU-Gipfel befasst sich mit der Sicherheit der Seewege. Entscheidend ist, dass den gemeinsamen politischen Erklärungen konkrete Maßnahmen zum Schutz der Handelsschiffe und ihrer Besatzungen folgen.


Für die deutsche Wirtschaft steht dabei viel auf dem Spiel. Knapp 300 Reedereien mit insgesamt 1.716 Schiffen prägen die deutsche Handelsschifffahrt. Viele Schiffe und Besatzungen sind weltweit im Einsatz und auf sichere, frei zugängliche Seewege angewiesen. Wie verletzlich die global vernetzte Wirtschaft ist, zeigt sich gerade dort, wo militärische Konflikte zentrale Handelsrouten treffen. Sichere Seewege sind deshalb nicht nur eine Frage der Schifffahrtspolitik, sondern eine Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität, verlässliche Lieferketten und bezahlbare Versorgung.

Quelle: VDR

JM/NW