Wirtschaft im Krisenmodus: Parteien ringen vor Landtagswahl um den Kurs für Mecklenburg-Vorpommern
Unternehmen fordern weniger Bürokratie, mehr Fachkräfte und bessere Standortbedingungen – Spitzenpolitiker stellen ihre Konzepte für die Zukunft des Landes vor
Hamburg/Parchim, 19. Juni 2026. Die Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns kämpft mit Fachkräftemangel, steigenden Kosten, langwierigen Genehmigungsverfahren und einer schwachen Konjunktur. Viele Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährdet und erwarten von der Politik Antworten auf drängende Standortfragen. Entsprechend groß ist die Bedeutung der Landtagswahl am 20. September, die von vielen als Richtungsentscheidung für die wirtschaftliche Zukunft des Landes betrachtet wird.
Wie Arbeitsplätze gesichert, Investitionen angestoßen und bürokratische Hürden abgebaut werden können, darüber diskutierten am Donnerstagabend Spitzenpolitikerinnen und -politiker von SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken bei der Veranstaltung „NORDMETALL vor Ort – Wirtschaft trifft Politik“ im Solitär in Parchim. Eingeladen hatten die Arbeitgeberverbände NORDMETALL und AGV NORD gemeinsam mit der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern (VU).
Bereits zum Auftakt machte VU-Präsident Lars Schwarz deutlich, welche Erwartungen die Wirtschaft an die nächste Landesregierung hat. „Wirtschaft zuerst! – dieses Bewusstsein brauchen wir in der künftigen Landesregierung – nach dem 20. September müssen endlich Taten folgen“, forderte er. Die Politik müsse die Unternehmen wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. „Ohne starke Betriebe mit zukunftsfähigen Arbeitsplätzen gibt es keine Steuereinnahmen, und ohne Steuereinnahmen kein Geld für Bildung und Soziales.“
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) stellte klar, dass Wirtschaft, Arbeit und Bildung auch in einer neuen Legislaturperiode zu ihren politischen Schwerpunkten gehören würden. Dabei verwies sie auf die enge Zusammenarbeit mit Arbeitgebern und Gewerkschaften: „Bei uns im Land gibt es kein ernsthaftes Thema, das wir nicht mit den Sozialpartnern besprechen. Dafür haben wir unser Zukunftsbündnis, da sind Unternehmerverband, Gewerkschaften, auch Kammern und die kommunale Ebene und große Teile der Regierung mit dabei.“
CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters kritisierte hingegen, dass die Opposition in solche Gesprächsformate zu wenig eingebunden werde. Als Hemmschuh für wirtschaftliche Entwicklung bezeichnete er übermäßige Bürokratie. „Weniger Bürokratie ist das Credo, das die wirtschaftliche Entwicklung beflügeln könnte“, sagte Peters. Skeptisch äußerte er sich zum Tariftreuegesetz auf Bundesebene und sprach sich für mehr Flexibilität bei öffentlichen Vergaben aus: „Wir müssen die Schwellenwerte auf das europäische Höchstmaß hochsetzen, dann können wir mehr Flexibilität erreichen.“
Auch die Grünen-Spitzenkandidatin Claudia Müller suchte den Schulterschluss mit den Unternehmen. Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung seien keine Gegensätze, betonte sie. „Wir stecken uns ambitionierte Ziele, die erreichen wir nur gemeinsam mit der Wirtschaft und mit den Bürgerinnen und Bürgern. Klima-, Umwelt- und Naturschutz und Entbürokratisierung beißen sich nicht.“ Müller sprach sich unter anderem für das sogenannte Once-Only-Prinzip aus, bei dem Unternehmen bestimmte Informationen nur einmal an Behörden übermitteln müssen. Zudem wolle sie Praxischecks für neue Gesetze einführen, um Auswirkungen auf den Mittelstand frühzeitig zu prüfen.
Für die Linke warnte deren parlamentarischer Geschäftsführer Torsten Koplin vor einem Abbau sozialer Standards. Er sprach von einem „Generalangriff“ auf arbeits- und sozialpolitische Errungenschaften wie den Acht-Stunden-Tag oder bestehende Regelungen zur Lebensarbeitszeit. „Sozialabbau ist nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch der Produktivität. Deshalb kann an Sozialabbau kein Unternehmen ein Interesse haben“, sagte Koplin. Zusätzliche Flexibilität bei den Arbeitszeiten sei aus seiner Sicht nicht erforderlich.
Mecklenburg-Vorpommern steht vor einer Richtungsentscheidung. Das wurde in der einstündigen Debatte vor rund 60 geladenen Gästen deutlich. Weniger als 100 Tage bleiben den Parteien, um die Wählerinnen und Wähler von ihren Positionen zu überzeugen. Einig waren sich alle Podiumsgäste, dass es auch in Zukunft verlässliche, demokratische Mehrheitsentscheidungen brauche und Mecklenburg-Vorpommern ein weltoffenes und attraktives Land bleiben solle.
Quelle: NORDMETALL
JM/NW
